Alumni
Lisa Åkervall
Stipendiatin, 10.2005 – 09.2008
Kinoerfahrung, Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit
Das Projekt nimmt die konstituierende Spannung kinematographischer Erfahrung in den Fokus: Auf der einen Seite rekurrieren Filmemacher und Filmtheoretiker auf die paradoxe Figur der „Vermittlung des Unmittelbaren“ als Charakteristikum der Kinoerfahrung. Analog zu den ästhetischen Avantgarden gibt das Kino das romantische Versprechen, die Grenzen zwischen Kunst und Leben, sowie die Subjekt-Objekt-Dichotomien der anderen Künste aufzulösen. Auf der anderen Seite wird diese Figur des Unmittelbaren von einer unheimlichen Dimension durchkreuzt, welche aus der Verschränkung von Nähe und Distanz, Sichtbarem und Unsichtbarem, Manifestem und Latentem herrührt, die der Kinoerfahrung wie dem Unheimlichen selbst zu eigen ist. Diese Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit soll im vorliegenden Projekt auf mehreren Ebenen nachgezeichnet/extrapoliert werden. Die Dimension des Unheimlichen soll dabei zum einen als Charakteristikum der Kinoerfahrung als solcher untersucht werden. Zum anderen möchte sich das Projekt spezifisch kinematographischen Strategien des Unheimlichen zuwenden. Schließlich sollen die Eruptionen des Gespenstischen im Kino als ästhetische Reaktionsweisen und Reflexionen auf die prekäre Situation moderner Subjektivität verstanden werden. Ziel ist es nachzuzeichnen, auf welche Art und Weise das Kino – in der Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Unheimlichkeit – spezifische ästhetische Formen und Theorien entwickelt hat, das Gespenstische moderner Erfahrung zu thematisieren und somit stets auch ein ethisches Programm verfolgt.
Marcella Biasi
Stipendiatin, 10.2005 - 03.2008
Dinglichkeit und Überspannung. Eine Untersuchung des Eigenpotentials der Sprache in der modernen Lyrik
Im Jahre 1964 findet das Kolloquium Poetik und Hermeneutik mit dem Titel „Lyrik als Paradigma der Moderne“ statt. Das Kolloquium ist einerseits die Summa der bisherigen theoretischen Auseinandersetzungen mit der Frage nach der Kraft der modernen Lyrik, die eigenen Kategorien zu sprengen und gerade aus ihrer Struktur heraus einen neuen Modus der Sinnproduktion herzustellen (z.B. Heidegger und Hugo Friedrich); andererseits ist es aber auch der Startpunkt einer insistenten Suche nach dem spezifischen Potential einer Lyrik, die in der Vibration zwischen rezeptionsästhetischen Moment und Überspannung der Potentialität der Sprache – sprich: in der Verdinglichung derselben - ihr wahres, bei aller Sinnsprengung sinnstiftendes Potential erblickt (Blumenberg, Weinrich, Iser). Die Arbeit untersucht den Drang nach der Verdinglichung sprachlicher Potentialität und nach Überkreuzung der sprachlichen Strukturen anhand der Schriften Paul Celans und Paul Valérys über Lyrik, sowie an deren paradigmatischen Hermeneuten (Beda Allemann, Werner Hamacher, Jacques Derrida für Celan; Geoffrey Hartmann, Jacques Derrida und Anselm Haverkamp selbst für Valéry). Dass der kollektive Anspruch auf Dinglichkeit eine wesentliche und hochproduktive Strategie der modernen Sprachkunst ist, wird schließlich an der Arbeit von Roger Caillois, insbesondere an seinen poetisch-mineralogischen Schriften über Steine gezeigt.
Fabian Börchers [boerchers@freenet.de]
Assoziierter, 05.2006 -09.2008
Die Tat des Als-gut-Erkennens. Über den Formunterschied von theoretischer und praktischer Vernunft
Das Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, die traditionsprägende Annahme in der westlichen Philosophie, dass der Mensch sich als vernünftiges Wesen unter anderem dadurch auszeichnet, dass er dazu in der Lage ist, Handlungen zu vollziehen und diese Handlungen daher wesentlich als Vernunftausübungen zu verstehen sein müssen, auf ihre Denkbarkeit zu untersuchen. Insbesondere wird in der Arbeit die Frage gestellt, inwiefern das menschliche Handeln als eine genuin eigene Form der Vernunftausübung verstanden werden kann oder ob es in seinem Verständnis als vernünftiges Tun letztlich auf ein Verständnis vom vernünftigen Denken zurückgeführt werden kann (etwa so, dass man das vernünftige Handeln als Umsetzung eines Nachdenkens darüber, was es zu tun gilt, begreift). These der Arbeit ist, dass dies nicht möglich ist, sondern dass man vielmehr das Handeln nur dann als vernünftig verstehen kann, wenn man auf Aristoteles Idee eines praktischen Schlusses zurückgreift, der in der Arbeit in Anlehnung an einen Gedankens G.E.M. Anscombes dergestalt verstanden wird, dass er nicht dem Inhalt, sondern der Form nach verschieden vom „theoretischen“ Schluss ist. Diese Idee eines „formalen Unterschieds“ zwischen theoretischer (sich im Denken manifestierender) und praktischer Vernunft wird in der Arbeit in der Diskussion verschiedener philosophischer Ansätze (Aristoteles, Hume, Anscombe, Davidson) erläutert.
Constanze Demuth [constanzedemuth@gmx.de]
Stipendiatin, 10.2005 - 09.2008
Selbstverwirklichung bei Stanley Cavell. Zum Verhältnis von Ausdruck und Normativität
Wie ist gelingendes menschliches Leben möglich? Diese philosophische Grundfrage steht unter einem Doppelaspekt: Gelungenes Leben setzt sowohl durchdachtes Handeln als auch ein Denken über bloße, abstrakte Verstandesreflexion hinaus voraus. Ziel der Arbeit ist es, diesen Doppelaspekt in paradigmatischen Lektüren ausgewählter Texte des amerikanischen Gegenwartsphilosophen Stanley Cavell unter einer sprachphilosophisch-ethischen Perspektive zu beleuchten. Dabei soll sowohl die Möglichkeit des Gelingens wie auch die Herausforderung, mit der dieser Anspruch uns in der Gegenwart konfrontiert, akzentuiert werden. Sprechen hat sowohl einen performativen Aspekt als auch einen symbolischen Aspekt des Bedeutens, ist also Handeln und Denken. Daher kann Sprechen als exemplarische Form menschlicher Selbstverwirklichung betrachtet werden. Wie sprechen? Diese Frage ist sowohl für die Analysen Cavells als auch für ihre spezifische Form bestimmend, und bildet den Fokus des Projekts.
Thomas Dikant [dikant@gmx.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Landschaft und Territorium: Zur Erfahrung des Raums in der U.S.-amerikanischen Literatur, 1784 - 1866
Ausgangspunkt meiner Dissertation ist die Frage, auf welche Art und Weise die Erfahrung des Raums Nordamerikas in der U.S.-amerikanischen Literatur zwischen der amerikanischen Revolution und dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs dargestellt und geformt wurde. Diese literarischen Figurationen und Produktionen des Raums erschließe ich, indem ich die Landschaft und das Territorium einander gegenüberstelle, zwei diskursive Formationen, die in den Jahren von 1784 bis 1866 von zentraler Bedeutung waren. Ende des 18. Jahrhunderts tritt die Landschaft als ästhetischer Diskurs in Erscheinung, der im 19. Jahrhundert in den USA eine zentrale Rolle als Medium nationaler Identitätsstiftung erlangt, das politische wie auch religiöse Diskurse naturalisiert und den Raum Nordamerikas (re-)codiert. Zur gleichen Zeit, genauer im Jahre 1784, entsteht der spezifisch U.S.-amerikanische Diskurs der Territorialisierung, welcher reguliert, wie das immer wieder neu im Westen dieses souveränen Nationalstaats angeeignete Land (re-)strukturiert und welche Lebensform dort implementiert wird. Territorium verstehe ich dabei sowohl in diesem historischen Sinne wie auch als ein räumlich begrenztes Gebiet, das von einem Individuum oder einer Körperschaft kontrolliert wird. Während das erste Kapitel das Erscheinen dieser beiden Formationen, Landschaft und Territorium, in ihrer Interrelation an Hand der Schriften Thomas Jeffersons nachzeichnet, wird im zweiten Kapitel mittels James Fenimore Coopers historischen Roman »The Pioneers« die Relation der aus einer nationalen Landschaftsästhetik heraus konstituierten Nationalliteratur zur territorialen Aneignung ausgearbeitet. Bei Ralph Waldo Emerson verkompliziert sich das Verhältnis von Individuum und Nation, Landschaft und Besitz in dem Sinne, dass Landschaft als zentrales Beispiel seiner Naturästhetik eine spezifische Lebensform impliziert, welche nunmehr anders als bei Jefferson und Cooper in einem Spannungsverhältnis zu den territorialen Praktiken der Nation steht. Im letzten Kapitel untersuche ich an Hand von Melvilles Bürgerkriegslyrik, was literarisch geschieht, wenn der bislang latent gehaltene territoriale Ursprung der Landschaft im Krieg Evidenzcharakter gewinnt und die Erfahrung des Raums formt.
Felix Ensslin [subjectensslin@web.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Die Entbehrung des Absoluten. Das Subjekt der Nichtigkeit in Luthers Magnificat-Auslegung
Bei Martin Luther findet sich eine Zuspitzung und gleichzeitige Überwindung der scholastischen Unterscheidung zwischen der potentia dei abosluta und der potentia dei ordinata. Diese wurde eingeführt, um neben dem ontologisch-kosmologischen Denken der aristotelischen Philosphie Platz zu machen für den sprechenden Schöpfergott der abrahamischen Religion(en). Gerade in der Ablehnung dieser spekulativen Unterscheidung hebt sie Luther auf, in der Weise, dass die absoluta von der ordinata subtrahiert wird. Dies wird exemplarisch gezeigt an der Auslegung und Übersetzung des Magnificat. Durch eine Rekonstruktion mit den Begriffen Lacanscher Psychoanalyse wird dargelegt, dass diese Subtraktion des Absoluten ein Subjekt konstituiert, das mit der Lutherschen Übersetzung des scholastischen Tugendbegriff humilitas mit Nichtigkeit gekennzeichnet werden kann. Dieses Subjekt und seine Subjektivität werden im späteren Werk Luthers (De Servo arbitrio, Grosse Genesisvorlesung) verleugnet, in der Theorie der vocatio, der Berufung, ad laborans, zur Arbeit, an einen Ort in der von der ordinata strukturierten Welt verlegt. Im Gegensatz zum früheren Denken Luthers ist diese Berufung nicht mehr gebrochen durch ein verbum absconditus, d.h. durch eine wirksame, aber dem Wissen nicht zugängliche Sprachlichkeit. Nachdem beim früheren Luther die absoluta als ihre eigene Subtraktion verstanden werden kann, wird sie hier schlicht als nicht mehr geschichtsmächtig erklärt. So wird die radikale Vorstellung von Kontingenz, die in der früheren Konzeption implizit gedacht worden war, verleugnet, d.h. diejenige Kontingenz, die im Prozess von der Notwendigkeit im Durchlauf durch die Erfahrung der Unmöglichkeit an der Stelle der Lücke in der ordinata auftritt. Dieser Vorgang wird mit Hilfe der Lacanschen Umschrift der logischen Modalitäten des Aristoteles diskutiert, sowie die so gewonnenen Erkenntnisse im Kontext zeitgenössischer Theorien der Anrufung (J. Butler, V. Dollar, S. Zizek) und dem neuen Interesse an dem Apostel Paulus im Kontrast zu Luthers Paulinismus diskutiert (G. Agamben, A. Badiou, E. Santner, S. Zizek). Zum Schluss wird anhand von J. Butlers Theorie der „Psyche der Macht“, in der sie die Theorie der Anrufung durch eine Theorie des Gewissens ergänzen will, Webers These über den „Geist des Kapitalismus“ neu gedeutet.
Alexandra Heimes [heimes@gmx.de]
Stipendiatin, 10.2005 - 09.2008
Ästhetik und Epistemologie in Goethes Naturwissenschaft
Ausgangspunkt der Arbeit ist die These, dass Goethe in seinen Naturstudien ‚Leben’ und ‚Erscheinung’ in ein dialektisches, sich wechselseitig bedingendes Verhältnis setzt. Damit einher geht das Postulat eines notwendigen Scheincharakters des Lebens, mit dem die zeitgenössisch dominanten, teleologischen Naturkonzeptionen zu einer Ästhetik des Erscheinens umgeschrieben werden. Die Untersuchung zeigt, wie Goethe auf dieser Grundlage ein darstellungstheoretisches und epistemologisches Programm entwirft, dessen weit reichende Konsequenzen sich offenbar erst im Licht von ästhetischen Theorien des späteren 20. Jahrhunderts zur Geltung bringen. Seinen Fokus richtet das Dissertationsprojekt dabei auf die genuin sprachbezogenen Konsequenzen von Goethes Programm. Hier lautet die These, dass das Projekt einer „Kritik der Sinne“, das Goethe der Kantischen Dualität von Anschauung und Begriff entgegen setzt, vor allem in einer impliziten Reflexion auf Sprachlichkeit und Rhetorizität ausgetragen wird, die schließlich in Goethes eigener Praxis der Darstellung von Naturphänomenen untersucht wird.
Zora Hesova [zorahes@yahoo.de]
Stipendiatin, 12.2005 - 11.2008
Al-Ghazali: The Practice of Knowledge
The dissertation examines cognitive claims of non-discursive „knowing“ in the works of the prominent theologian, philosopher and Sufi Abu Hamid al-Ghazali (1058-1111) and his contemporaries in terms of practical knowledge and cognitive practices. Al-Ghazali is known as a critic of the cognitive scope of discursive and speculative sciences (philosophy and theology) and as a proponent of what can be described as non-discursive knowledge of what is secure and essential within practical life conduct. As a theologian and a convert to Sufism, he claims – consistently with the Sufi tradition – that there is knowledge to be achieved through and consisting in specific practices (life conduct as well as what will be described as „cognitive practices“). The dissertation examines these cognitive claims, describes and attempts to conceptualize Ghazalis idea of knowledge based on orthopraxy as well as a particular form of life. The challenge is to show clearly what makes these practices a form of knowledge. Rather than focusing on their „object“ the aim is to restore – by using the example of a concrete cultural praxis – the practical, subject-oriented and sense-conferring aspect of knowledge. The dissertation has three parts: 1. Knowledge as experience; 2. Discourses of knowledge; 3. The Path: the Self as cognitive tropus.
Alastair Hunt [aliphunt@gmail.com]
Assoziierter, 09.2007 – 08.2008
The Romantic Rhetoric of Species
As human rights continue to be both dismissed as a technology of biopolitics (Giorgio Agamben) and celebrated as an ethico-political resource we cannot refuse (Étienne Balibar), Hannah Arendt’s claim that they are fundamentally perplexing has only become more convincing. My dissertation argues that our current ambivalence towards human rights is a Romantic and a literary one. Late eighteenth-century declarations of human rights occasioned in British and German Romantic writers extravagant political hopes and anxieties. The source of this Romantic ambivalence, I argue, is the knowledge that the fundamental gesture of human rights is a figurative substitution between being specifically human and bearing rights. Even in those cases where Romantic writers assume that members of the human species spontaneously bear an ethical value in their existence as human beings, the rhetorical figures that accomplish this bearing—metaphor and irony—also introduce a troubling undecidability between the human species that bears rights and the infra-human beings who remain rightless. Combining the resources of rhetorical criticism, political philosophy, and a robust ecocritical alertness to the living in general, I examine poems, novels, pamphlets, and critical and philosophical treatises in which Romantic writers declared that human being itself bears inalienable rights and proposed that literature is uniquely capable of fully forming subjects as rights-bearing human beings.
Alicja Kowalska [ala_kowalska@o2.pl]
Assoziierte, 10.2005 - 09.2008
Wege des Wissens. Zum Verhältnis von Literatur und Philosophie bei Stanley Cavell
In meiner Arbeit behandele ich die Frage nach dem Wissen und seiner Darstellung. Dabei wende ich mich den Bereichen der Philosophie und Literatur zu und frage nach der Wissensökonomie der beiden Diskurse. Meine Untersuchung widmet sich insbesondere der Funktionsweise von Literatur in der Philosophie. Im Mittelpunkt steht die Frage wie die Philosophie als Form des logisch-begrifflichen Wissens auf andere Diskursarten wie die Literatur zugreift und diese in den Prozess der Herstellung von Wissen einbindet. Untersucht wird, welche Formen diese Einbindung annehmen kann (z.B. das literarische Zitat, die Lektüre, das Genre), wobei die These lautet, dass diese Verwendungen des Literarischen eine Lücke im philosophischen Wissen füllen und die Heranziehung von anderen Diskursarten nicht in die philosophische Logizität übersetzt werden kann. Diese These wird anhand des philosophischen Werkes von Stanley Cavell begründet, der in seinen Arbeiten nicht nur literarische Werke, sondern auch Film und Theater heranzieht. Eine weitere Frage der Untersuchung ist, wie die Philosophie, die auf andere Diskursarten zurückgreift, sich selbst innerhalb der Trias Philosophie, Wissenschaft, Literatur positioniert und welche Art von Wissen sie postuliert und entwirft.
Anne Kraume [anne.kraume@gmx.de]
Assoziierte, 10.2005 - 09.2008
Inseln, Gärten, Reisen: Europa in der deutschen, spanischen, französischen und katalanischen Literatur
Die Dissertation stellt eine vergleichende Untersuchung der Konzeptionen von Europa an, die in der deutschen, spanischen und französischen Literatur in den Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entworfen werden. Dabei soll die besondere Dynamik der „Idee Europa“ insofern im Mittelpunkt stehen, als der Untersuchung die These zugrunde liegt, dass Europa in der Literatur immer aus einer – räumlichen oder auch zeitlichen – Distanz heraus konstruiert wird. Aus diesem Grund stützt sich die Arbeit in besonderem Maße auf die Analyse von Texten, die von Autoren verfasst wurden, die eine bestimmte Zeit ihres Lebens im Exil verbracht haben: In den Werken von Victor Hugo, Miguel de Unamuno, José Ortega y Gasset, Eugeni d'Ors, René Schickele, Heinrich Mann, Klaus Mann und André Gide erfährt der jeweilige Blick auf Europa Veränderungen, die vor allem dem Exil und der sich daraus ergebenden Bewegung geschuldet sind, und die deshalb nicht zuletzt auch für eine spezifische Form des Lebenswissen stehen, die man als „Zusammen-Lebenswissen“ bezeichnen könnte.
Daniel Reichelt [daniel.reichelt@gmx.net]
Intentionalität – Institutionalisierung – Repräsentation. Zum impliziten Handlungsbegriff im Werk Heinrich von Kleists
Im Zentrum des Promotionsvorhabens stehen die Erzählungen und Dramen Heinrich von Kleists. Sie sollen einer Lektüre unterzogen werden, die auf die Handlungen ihrer Charaktere fokussiert ist und sich die Ausarbeitung des ihnen zugrunde liegenden Handlungsbegriffs zum Ziel setzt. Dieser implizite Handlungsbegriff Kleists, so die Ausgangsthese, fasst menschliches Handeln nicht länger als einen durch die Intentionen des Handelnden komplett beherrschbaren Vorgang auf. Stattdessen wird Intentionalität bei Kleist in den Handlungsvorgang hineingelegt und scheint sich erst mit dem Vollzug der Handlung zu entfalten. Die daraus resultierenden zahlreichen unkontrollierten, halbbewussten und zunächst unerklärlichen Handlungen Kleistscher Helden werden dabei nicht primär als Ausdrucksformen orientierungsloser und verzweifelter Individuen angesichts einer gebrechlichen Welteinrichtung gedacht, sondern als Versuche zur Neudefinition der institutionellen Rahmungen, deren Beschaffenheit die Stoßrichtung derselben Handlungen erst fragwürdig werden ließ. Das Dissertationsprojekt widmet sich im Fortgang, ebenfalls ausgehend von der Frage nach dem Status der Intention, der engen Verschränkung von Kleists Handlungs- und Sprachauffassung, sowie der Rolle, welche der narrativen bzw. dramatischen Vermittlung der Handlung für die Konstitution derselben zugesprochen werden muss.
Maria Muhle [maria_muhle@web.de]
Assoziierte, 10.2005 – 09.2006
Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Michel Foucault und Georges Canguilhem
Ausgehend von der Debatte um Biopolitik als einem möglichen Modell des zeitgenössischen Politikverständnisses wird in dieser Arbeit eine Geneaologie des Begriffs erarbeitet. Die Begriffsklärung soll über eine Untersuchung des Begriffs des Lebens vorgenommen werden, der bei Foucault explizit unterbestimmt bleibt, und so zu verschiedenen Interpretationen Anlass gegeben hat (wie z.B. Agambens Interpretation der Biopolitik in Begriffen des nackten Lebens, die eine strukturelle Identität zwischen biopolitischen und souveränen Machtmechanismen annimmt). Diese Arbeit will die Unbestimmtheit des Lebens gerade als inhaltliche Pointe verstehen, mit der Foucault auf die Produktion von Leben durch Macht und Wissen verweist: Foucault hat keinen substanziellen Begriff von Leben, da das Leben ihm Korrelat von Macht und Wissensstrategien ist. In diesem Zusammenhang ist der Bezug auf die sich um 1800 entwickelnden Lebenswissenschaften aufschlussreich, da auch hier eine permanente Neubestimmung des Lebens vorgenommen wird. Es sollen die wissenschaftsgeschichtlichen Allianzen des Foucault’schen Umgangs mit dem Leben herausgearbeitet werden, was besonders im Rückgriff auf die Schriften Georges Canguilhems zu Medizin und Biologie geschieht. Für Canguilhem ist das Leben ein dynamischer Begriff, der sich durch eine innere Normativität auszeichnet, die in der Polarität von Selbsterhaltung und Selbstüberschreitung entsteht. Die These der Arbeit ist es, dass es für eine Bestimmung der Biopolitik nicht ausreicht, sie als Politik zu kennzeichnen, die sich auf das Leben bezieht (im Gegensatz zu souveränen oder disziplinären Strategien, die sich respektive auf Rechtssubjekte und disziplinäre Individuen beziehen). Vielmehr muss die spezifische Modalität dieses Bezugs, der ein positiver und nicht repressiver ist, genauer in den Blick genommen werden. Dabei ist die These leitend, dass Biopolitik eine Form von Gouvernementalität bezeichnet, die sich am Modell des Lebens, an seiner inneren Dynamik, orientiert, um das Leben so besser, weil von Innen, zu regieren und zu regulieren. Die biopolitische Gouvernementalität bezieht sich auf das Leben der Bevölkerung nach dem Modell des Lebens.
Mark Potocnik [mark.potocnik@gmx.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Mittelmaß. Zur Poetik des Durchschnittsmenschen
Im Fundus des anthropologischen Experimentierfeldes der Moderne findet sich eine Gestalt, die unter dem Titel „Durchschnittsmensch“ für ein Jahrhundert Karriere gemacht hat. Ausgangspunkt der diskursanalytischen Arbeit sind jene Statistiker, Mathematiker, Theologen, Schriftsteller, Philosophen und Kulturkritiker, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Wissensform etabliert haben: die „Soziale Physik“. Mit ihr tritt ein Wissensbereich auf, der eine weitläufige und komplexe Korrespondenz zwischen Körperdaten, sozialen Gesetzmäßigkeiten, Zivilisationsprozessen, Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Verbrechensdispositionen und Unfallstatistiken spannt. Es geht in der Studie um eine Poetologie des Wissens, die die Wissenskonstellation mit den Darstellungsverfahren der Texte korreliert. Eine solche Annahme geht mithin von der Prämisse aus, dass das Auftauchen neuer Wissensobjekte und Erkenntnisbereiche mit der Form ihrer Darstellung in Wechselbeziehung steht. So sind es nicht zuletzt die Literaten, die in Romanliteratur und Erzählungen seit der Moderne den fiktiven Charakter Durchschnittsmensch nicht nur exemplarisch in Szene setzen. Von Freytags Kontoristen über Omptedas Normalmenschen zu Döblins Kugelmenschen reichen die Versuche, ihm eine feste Gestalt, eine Figur, Form und Wirklichkeit zu verliehen. An dieser „Poetik des Durchschnittsmenschen“ lässt sich Genese und Konjunktur einer Lebensform ablesen.
María Teresa Quirós-Fernández [teresa_quiros@hotmail.com]
Assoziierte, 10.2005 - 09.2008
Leben(s)formen/Lebenswissen. Stereophonie der Autobiographie am Beispiel von Memoria de la melancolía und La arboleda perdida
Das Dissertationsprojekt widmet sich den Autobiographien des bekannten spanischen Schriftstellerpaares María Teresa León (1903-1988) und Rafael Alberti (1902-1999), das als Gegner der von Franco errichteten Diktatur nahezu vierzig Jahre im argentinischen und italienischen Exil verlebte. Im autobiographischen Schreiben reagierten beide auf den Verlust lebensweltlicher Bezugspunkte, verarbeiteten die spezifische Situation eines Lebens im Exil und nutzen den literarischen Raum, um politische Vorstellungen in Abgrenzung zum offiziellen nationalen Diskurs des Heimatlandes Spanien zu übermitteln. Die Literarisierung der jeweiligen Lebenserfahrungen beider Autoren steht in Wechselwirkung mit kulturellen, politischen, gesellschaftlichen etc. Gegebenheiten wie sie erlebt und in diesen Texten neu in Beziehung gesetzt, literarisch konstruiert bzw. dekonstruiert, immer wieder neu verhandelt und erinnert werden und führen in dieser Hinsicht weit über den jeweils individuellen Lebensbericht hinaus. Diesem komplexen Netzwerk und der Choreographie der LebensLäufe, die sich im autobiographischen Schreiben dieses Paares herausbildeten, soll in der Dissertation nachgespürt werden, um die Frage nach der Hervorbringung und Darstellung eines spezifischen Lebenswissens innerhalb dieser im Exil entstandenen Autobiographien zu stellen. Als eine umfangreiche, gemeinsam geleistete Erinnerungsarbeit liefern die autobiographischen Texte Leóns und Albertis über die besondere literarische Verwobenheit der TextLeben hinaus sowohl einen wertvollen Beitrag zur Herausbildung des kulturellen Gedächtnisses der damals das Exil erfahrenden SpanierInnen als auch zur gegenwärtigen intensiven Diskussionen in Spanien zum Umgang mit der Vergangenheit.
Francesca Raimondi [fraimondi@web.de]
Stipendiatin 04.2007 – 05.2009)
Geteiltes Leben. Zu einem Begriff demokratischer Politik
Die Arbeit nimmt ihren Ausgang von der Diagnose, der liberalen Demokratie liege eine Tendenz zur Entpolitisierung zugrunde und diskutiert Positionen aus dem 20. Jh. (Carl Schmitt, Hannah Arendt, Claude Lefort, Jacques Derrida, Jacques Rancière), die dieser Entpolitisierung mit der Entfaltung eines genuinen Begriffs des Politischen zu begegnen versuchen. Dabei wird gezeigt, dass die Bemühungen um einen solchen Begriff des Politischen nicht nur darauf abzielen (und dies auch schon bei Schmitt und Arendt nicht), eine angeblich verloren gegangene Dimension des Politischen wieder geltend zu machen. Vielmehr wird herausgearbeitet, dass sich darin die Konturen eines neuen Verständnisses demokratischer Ideen (allen voran Freiheit und Gleichheit) ablesen lassen, deren Formulierung wiederum in Reaktion auf die veränderten Bedingungen politischer Praxis erfolgt.
Frank Ruda [frank.ruda@ruhr-uni-bochum.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Hegels Pöbel. Eine Untersuchung der Hegelschen Rechtsphilosophie
Die Dissertation erarbeitet ein bislang ungeschriebenes Entstehungsmoment des Denkens des frühen Marx und dessen Konzeption des Proletariats. In ihr steht dabei die Analyse der Hegelschen Konzeption des Pöbels im Vordergrund. Dabei wird die zentrale These verfolgt, dass die frühen Marxschen Überlegungen zum Proletariat sich allein vor dem Hintergrund des Hegelschen Pöbels – dem einzigen Problem, so die weiterführende These, welches das Hegelsche Denken nicht aufzuheben fähig ist – systematisch erläutern lassen. Der Pöbel wird von Hegel in der Rechtsphilosophie als eine eigentümliche Gestalt absoluter Privation, absoluten Mangels eingeführt. Sein spezifischer Entstehungsort ist dabei die Armut, jedoch zeichnet sich der Pöbel durch einen sich immer weiter vertiefenden Verlust aus, der ihn schließlich jeglicher Bestimmung beraubt. Die Dissertation rekonstruiert demgemäß detailliert die Logik der Emergenz des Pöbels und in der Folge, die sich durch ihn für die ‚idealistische’ Dialektik Hegels ergebenden Probleme. So wird gezeigt, dass am Pöbel als absoluter Privation innerhalb der dialektischen Bewegung der Rechtsphilosophie die Genese eines neuen, eines anderen Begriffs der Unbestimmtheit – der zentral mit dem der Unmöglichkeit verknüpft ist und in der Folge auf einen anderen unhegelianischen Begriff der Gleichheit führt – denkbar wird. Dieser andere Begriff der Unbestimmtheit, so die These, entzieht sich selbst noch der dialektischen Bestimmung als unbestimmter bestimmt zu sein. Die Arbeit unternimmt so die Freilegung dessen, was in Hegel mehr als Hegel gewesen sein wird; was in Hegel über Hegel hinausgewiesen haben wird. Die Dissertation liefert daher einen Beitrag zum Verständnis nicht allein der Hegelschen Rechtsphilosophie, sondern offeriert eine Neulektüre des vielfach diskutierten Verhältnisses von Hegel und Marx.
Dirk Setton [ dirk.setton@berlin.de]
Postdoktorand, 08.2006 - 02.2007
Lebendiges Nicht-Wissen. Zum Verhältnis von Leben und Wissen in der Lebensphilosophie und philosophischen Anthropologie
Das Forschungsvorhaben verfolgte das Ziel, die diskursive Formation der Lebensphilosophie und der philosophischen Anthropologie im Hinblick auf das Verhältnis von Leben und Wissen zu befragen. Die Grundidee, die hier einen neuen Zugriff vor allem auf das Projekt der Lebensphilosophie leiten sollte, bestand darin, dass deren Hauptthesen einzig auf der Basis eines internen Verhältnisses von Leben und Wissen begreifbar sind. Die Pointe dieses Zugriffs wurde dann so gedeutet, dass jene Thesen auf ein Verhältnis von Leben und Wissen hinauslaufen, das wesentlich von der Struktur eines positiv verstandenen Nicht-Wissens oder einer Verkennung geprägt ist. Die Aufmerksamkeit des Forschungsprojekts hatte sich auf die verschiedenen Beschreibungen und Erklärungen dieses Nicht-Wissens gerichtet, die die Hauptvertreter der Lebensphilosophie (Nietzsche, Bergson) und, an diese kritisch anschließend, der philosophischen Anthropologie (Gehlen, Plessner) vorgeschlagen haben. In diesem Zusammenhang sollten zwei paradigmatische Fassungen des Nicht-Wissens herausgearbeitet werden.
Björn Sydow [bjsydow@gmx.de]
Assoziierter, 10.2005 - 09.2008
Philosophische Anthropologie der Leidenschaften
Im Anschluss an H. Plessner verstehe ich unter einer Leidenschaft für etwas das hingebungsvolle Ausgerichtetsein einer Person auf dieses Etwas und damit das Bestimmtsein von diesem Etwas. Philosophische Ansätze, die die menschliche Praxis in erster Linie als diejenige vernünftig handelnder Subjekte rekonstruieren, stellen die so verstandenen Leidenschaften auf die Seite dessen, was sich der Vernunft als der eigentlichen Spezifik des Menschen widersetzt. Sie sprechen den Leidenschaften ab, dass in ihnen selbst Menschsein als Freiheit gelingt. Philosophische Ansätze dagegen, die die Leidenschaften und ihnen verwandte Phänomene ernst nehmen, neigen dazu, menschliche Praxis als Spielplatz kausaler oder irrationaler Kräfte zu verstehen. Mit der plessnerschen Kategorie der exzentrischen Positionalität ist es möglich, die Leidenschaften aus der gleichen Struktur heraus zu verstehen wie menschliche Personalität und die mit ihr verbundene Freiheit.
Kathrin Thiele [kthiele.post@gmail.com]
Postdoktorandin, 03.2007 - 02.2009
Politisches Denken in Zeiten der Lebens-Politik. Zur Kippfigur von Demokratie und Bio-Politik
Meinem Forschungsvorhaben geht es um die Frage, wie und ob wir heute noch von einem genuin politischen Charakter der Politik ausgehen können, oder ob nicht das, was generell unter dem Namen der Bio-Politik (Foucault) gefasst wird, der einzige Politikmodus ist, der sich dauerhaft und effektiv durchsetzt. Während der Blick auf gesellschaftspolitische Verhältnisse relativ eindeutig zeigt, dass die Frage von Politik/Bio-Politik keine ist, die nach einer Seite hin einfach aufzulösen wäre, so bleibt doch die politiktheoretische Frage nach der Möglichkeit und der Notwendigkeit von Politik als Politik – im Unterschied zu bio-politischen ‘policies’ – weiter offen. Was also heißt heute noch ‘politische Denken’?Das Anliegen, das diesem Forschungsvorhaben zugrunde liegt, besteht damit einerseits darin, ausgehend von dem Befund, dass die uns heute in allzu vielen Bereichen lediglich reglementierende Bio-Politik einer zunehmenden Entpolitisierung Vorschub leistet, nach Ansatzpunkten zu suchen, politisches Denken also solches wieder zu aktivieren. Hier schließt sich das Projekt an Theorien radikaler Demokratie (Laclau/Mouffe), Demokratisierung der Demokratie (Balibar, Ranciere), des Begriffs eine kommenden/unerreichten Demokratie (Cavell, Derrida) an. Andererseits geht es diesem Projekt aber auch darum, das prekäre Verhältnis von Demokratie und Bio-Politik, die Kippfigur, die beide seit Ausgang dessen bilden, was wir heute Aufklärung nennen, sowohl historisch als auch begrifflich genauer zu spezifizieren, um weniger einem idealtypischen Verständnis von Politik zuzuarbeiten, als vielmehr den Diskursen zu folgen, die uns zu dem machten, was wir heute sind.In seiner Durchführung geht es dem Projekt so nicht nur um die aktuelle Fragestellung nach dem Zustand unserer Demokratie heute, sondern auch – und vielleicht letztlich vornehmlich darum – die ‘vergangene Gegenwart’ einer erneuten Analyse zu unterziehen, eine Genealogie unseres Politikverständnisses zu erarbeiten, die auch einem lebendigerem Politikverständnis heute neue Impulse geben kann.
Pablo Valdivia Orozco [p.valdivia@web.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Weltenvielfalt. Zur transarealen Poetik des lateinamerikanis(tis)chen Romans vom Boom bis heute am Beispiel der Konstellation García Márquez, Cisneros und Bolaño (1967 - 2004)
In meiner Dissertation versuche ich, den Begriff der Weltenvielfalt als roman- und fiktionstheoretischen Begriff zu etablieren. Jenseits der Fallstudien zum lateinamerikanischen Roman des Booms bis heute stellt sich die tiefergelegte Frage, inwiefern literarische Fiktionen als eine säkuliersierte, innerweltliche, nicht mehr kosmologische Fassung des Weltenvielfaltmotivs zu begreifen ist. Das meint: Soll Weltenvielfalt im Sinne eines fiktionstheoretischen und proto-säkularisierenden Begriffs funktionieren, dann impliziert dies eine Revision der theologischen Formel einer diesseitigen und jenseitigen Welt insofern, als diese nun in eine, ja die Welt selbst projiziert wird; Wirklichkeiten im Plural werden also nicht mehr vertikal geordnet, sondern sind prinzipiell auf der gleichen Ebene zu verorten und können sich auch überlappen Die entscheidende Implikatur dieser veränderten Topologie nun ist weniger ihre Herkunft, dass also die Vielfalt und prinzipielle Unendlichkeiten von gelebten und möglichen Welten auf die Kraft eines Schöpfers oder auch auf ein Ordnungsprinzip des Lebens verweist, sondern die dadurch ermöglichte Überzeugung, dass Weltenvielfalt eine Folge menschlichen Lebens und Handelns ist. Roman-Fiktion und vor allem die Ästhetik des modernen Romans - so die These - wären sowohl der Vollzug wie auch die Problematisierung dieser neuen Funktionsweise von Welten-Vielfalt, nunmehr auch im seinem vollem kulturellen Sinne, der in der Schreibweise von Weltenvielfalt besser umschrieben ist. Anhand von drei Fallstudien werden drei mögliche Topologien dieser kulturellen Wende in der Fiktionstheorie vorgestellt und gezeigt, inwiefern auf jeweils eigene Weise die Rede von einer anderen Welt möglich wird.
Jan Völker [jvoelker@zedat.fu-berlin.de]
Stipendiat, 10.2005 - 12.2006, Assoziierter, 01.2007 - 09.2008
Ästhetik der Lebendigkeit
Lebendigkeit ist ein klassischer Topos ästhetischer Theoriebildung. Im inauguralen ästhetischen Diskurs zwischen 1750 und 1850 kommt der Vorstellung von Lebendigkeit jedoch besondere Bedeutung zu. In dem Promotionsvorhaben wird diese spezifische Rolle der Lebendigkeit für die Herausbildung der modernen Ästhetik untersucht. Hierbei wird zunächst anhand von Baumgartens Begründung der Ästhetik der Verknüpfung der Konzeption des Lebens und des Denkens des Schönen nachgegangen. Baumgarten positioniert die Ästhetik in einem problematischen Verhältnis von Sinnlichkeit und Ontologie, in welchem eine eigenständige Logik der Sinnlichkeit nicht begründet werden kann. Kant sucht diese Begründung in seinen frühen Schriften zu vollziehen, die Perspektive auf die Ästhetik wird ihm jedoch unmöglich. Möglich wird die Ästhetik erst auf der Grundlage einer revidierten Fassung des Lebensbegriffes. Karl Philipp Moritz’ ästhetische Schriften markieren dabei eine Seite dieser Möglichkeit, Kants Kritik der ästhetischen Urteilskraft die andere: Die Ästhetik der Lebendigkeit verbindet das gewaltvolle Werden und Vergehen der Natur mit einer Ästhetik als spezifischem Ausdruck des Menschen in der Natur.
Peter Wierbinski [pwiersbinski@gmx.de]
Stipendiat, 10.2008 - 08.2009
Objektivität und Endlichkeit der praktischen Vernunft
Verschiedene Menschen halten Verschiedenes für das Gute und Richtige, und handeln dementsprechend. Das gilt nicht weniger von einzelnen Menschen als von Angehörigen verschiedener Kulturkreise oder solchen, die in unterschiedlichen historischen Epochen gelebt haben. Zu dieser Tatsache der Relativität von praktischen Orientierungen und Lebensentwürfen sind auf den ersten Blick zwei verschiedene philosophische Haltungen möglich. Beide schließen sich wechselseitig aus. Die erste besagt, dass Menschen dort, wo sie Verschiedenes für das Richtige und Gute halten, unter unterschiedlichen Ordnungen des Richtigen und Guten stehen. Sie beantwortet das Phänomen der Relativität mit dem Theorie des Relativismus. Die andere besagt, dass dort, wo es Relativität gibt, wenigstens eine der verglichenen Seiten mit ihrer Meinung darüber, was richtig und gut ist, im Unrecht sein muss. Sie reduziert Relativität auf Irrtum, oder – allgemeiner – Fehlgehen. Beide Haltungen erfassen etwas vom Wesen der praktischen Vernunft, aber beide unterschätzen die Komplexität und interne Differenziertheit dieses Vermögens. Die verschiedenen Aspekte der Endlichkeit der praktischen Vernunft zu beschreiben, bedeutet, dem Phänomen der Relativität Rechnung zu tragen, ohne ihre Natur als ein Vermögen zu Erkenntnis und Wissen in Frage zu stellen.
Nikolas Zok [nikolaszok@yahoo.de]
Stipendiat, 10.2005 - 09.2008
Zur Rhetorik des Lebens bei Nietzsche
Die Dissertation untersucht den Begriff des Lebens innerhalb der Philosophie Friedrich Nietzsches, wobei insbesondere dem rhetorischen Aspekt von Nietzsches Schriften Rechnung getragen werden soll. Die Arbeit nimmt ihren Ausgangspunkt von den expliziten rhetorischen Reflexionen des frühen Nietzsche, die in der Nietzscheforschung unter dem Titel der Tropologie diskutiert werden. Nietzsche versucht hier den durchgängig tropisch-figuralen Charakter der menschlichen Sprache aufzuzeigen, der dem Menschen jeden Zugang zu einem Ursprung, einem Sein und einer Wahrheit im substanzmetaphysischen Sinn verwehrt und das philosophische Programm der platonischen Tradition zu einem rein rhetorisch-persuasiven Vorgang werden lässt. Da diese Problematik aber den Begriff des Lebens – der in so ziemlich allen Schriften Nietzsches überaus zentral ist – genauso betrifft wie die metaphysischen Begriffe und Nietzsches Antwort auf diese Problematik bekanntlich nicht in einem Verzicht auf Philosophie, sondern in einer umkehrenden Wiederaufnahme derselben besteht, ist es aufschlussreich, den Lebensbegriff in direktem Zusammenhang mit seiner persuasiven Präsentation einer genaueren Prüfung zu unterziehen.

