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Lehrstuhlprofil

Als Lehrstuhl für Philosophische Grundlagen Kulturwissenschaftlicher Analyse reflektieren wir u. a. darüber, was die Kulturwissenschaftler tun. So gesehen kann die Philosophie als ein metatheoretisches Unternehmen betrachtet werden. Eine solche Auffassung der Philosophie wird auch, wenn nicht ausnahmslos, so doch breit genug anerkannt. „Philosophy is not a causal, it is an analytical form of inquiry, one that seeks to clarify, systematize, and criticize the concepts and methods of other more specialized domains of inquiry.” [R. Klee, Introduction to the Philosophy of Science, NY et al. 1997, S. 175.] Dies setzt stillschweigend voraus, dass das, was die spezialisierten Wissenschaften tun, sich als eine Form von „Kausalitäten“ einstufen lässt. Auf die Naturwissenschaften und zumindest manche der etablierten Sozial- sowie Geisteswissenschaften trifft das im Großen und Ganzen zu. Dagegen stellt sich das Verhältnis zwischen der Philosophie und der Kulturwissenschaft als etwas verwickelter heraus.

Indem man über die Formulierung des Lehrstuhlprofils nachdenkt, liegt es nahe, auf die Profilbeschreibung der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität zurückzugreifen. Das passt ganz gut, weil man im Text „Kulturwissenschaften im Profil“ gleich als Motto und dann wieder im Hauptteil einem philosophischen Zitat begegnet. Das Zitat stammt von Ernst Cassirer und lautet: „Die verschiedenen Formen der Kultur werden nicht durch eine Identität in ihrem inneren Wesen zusammengehalten, sondern dadurch, dass sich ihnen eine gemeinsame Grundaufgabe stellt." Das Zitat wird so ausgelegt, dass die darin angesprochene Frage auf den folgenden Kontext bezogen wird: „[M]it der Öffnung Mittel- und Osteuropas nach Westen [ist] in ganz Europa ein komplizierter Umbruchs- und Transformationsprozess in Gang gekommen, der neue Formen der Modernisierung aber auch Rückgriffe auf regionale und nationale Traditionen hervorgebracht hat. Zu Zeiten des ‚Kalten Krieges’ genügte die Frage: ‚Auf welcher Seite stehst Du?’ Sie ist heute ersetzt durch die schwieriger zu beantwortende Frage: ‚Wer bist du’? Diese Frage nach der oft beschworenen ‚Identität’ einer Gesellschaft hat der Kulturphilosoph Ernst Cassirer so beantwortet: [Cassirerzitat] Diese historisch wandelbaren Grundaufgaben gilt es wissenschaftlich zu erforschen. Die kulturwissenschaftliche Fakultät versucht, diesem Anspruch ... Rechung zu tragen.“

Nimmt man die zitierten Ausführungen analytisch unter die Lupe, wird man mit zwei Problemen konfrontiert. Das eine Problem betriff Ernst Cassirer und das andere Problem die Kulturwissenschaftliche Fakultät. (1) In dem Zitat von Cassirer, mit dem die Profilbeschreibung belegt bzw. vertieft werden sollte, geht es um etwas anderes als im vorausgehenden und nachfolgendem Text der Beschreibung. Mit der zitierten Aussage meint Cassirer gar nicht "kulturelle Identitäten" (der Menschen in Europa o. dgl.), sondern Identitäten der einzelnen von ihm so genannten "Formen der Kultur" und das eine hat mit dem anderen nicht viel zu tun. Darüber hinaus wird dieses Problem vor dem speziellen Hintergrund der Philosophie von Heraklit behandelt und darauf bezogen. [S. hierzu E. Cassirer, An Essay on Man, New Haven 1944, S. 228.] (2) Schaut man sich die real existierende Kulturwissenschaftliche Fakultät der Europa-Universität an, kann man leicht feststellen, dass es dort kaum jemand gibt, der sich mit solcherart Erforschung von „Identitäten“ befassen würde. Oder zumindest ist eine solche Beschäftigung, wenn auch vielleicht okkasionell gegeben, für die Fakultät überhaupt nicht repräsentativ.

Das Fazit, das sich daraus ableiten lässt, ist generalisierbar, weil es nicht nur auf die Europa-Universität, sondern überall dort, wo es Kulturwissenschaft, cultural studies u. ä. gibt, angewandt werden kann. Was die einzelnen, unter den Sammelbegriff „Kulturwissenschaft“ subsumierten Wissenschaftler tatsächlich tun, ist meist eine ganz profane Beschäftigung, der auch in den üblichen, nicht-kulturwissenschaftlichen, Einrichtungen nachgegangen wird. Die einen befassen sich mit der Linguistik, die anderen mit der Soziologie und die dritten mit noch etwas anderem. Wenn es aber darum geht, sich als „Kulturwissenschaftler“ zu definieren, verlässt man die reale Ebene und greift auf eine andere Ebene zurück. Diese besteht aus zweierlei. Auf der einen Seite gehört dazu ein bestimmtes Vokabular, das über das spezifische Fachgebiet hinausgeht und solche Termini wie „Kultur“, „kulturwissenschaftlich“, aber auch „Identität“, „der/das Andere“ (the other, othering, otherness), „Differenz“, „Bedeutung“ (das Wort, das in der einschlägigen Literatur in verschiedenen, voneinander abweichenden Bedeutungen vorkommt), „performativ“, „Wende“ (turn, der Ausdruck wird meist auf Englisch verwendet und es werden damit die sog. „linguistische“, „kulturalistische“ sowie mehrere andere angebliche „Wenden“ gemeint), „Konstruktion“ usw. usf. enthält. Auf der anderen Seite geht man ins Philosophische und betreibt eine zumindest rudimentäre Form von Philosophie. Gewöhnlich ist dies eine konfuse Philosophie.

Durch diese parasitäre Anknüpfung an die Profilbeschreibung der Fakultät wurde das Lehrstuhlprofil in der Form einer winzigen Fallanalyse angedeutet.