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Pensées Françaises Contemporaines

Das Projekt

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Die beiden Universitäten Panthéon-Sorbonne und Viadrina  sind durch ähnliche Strukturen geprägt, nämlich durch das Nebeneinander von Kultur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Dadurch wird der Fokus auf kulturelle und soziale Elemente des menschlichen Zusammenlebens gerichtet: auf Gesellschaften in ihrer historischen, politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Verfasstheit.

Die Auseinandersetzung mit ihnen verlief hier wie dort nach bekannten Sequenzen. Man setzte sich a) mit der Moderne, b) reflexiven Perspektiven auf die Moderne und c) mit verschiedenen „post-modernen“ Konstellationen auseinander. Bedingt durch unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen, voneinander abweichende Wissenstraditionen und nicht zuletzt durch unterschiedliche Hochschulstrukturen verlief die wissenschaftliche Relativierung der Moderne in einzelnen Ländern allerdings alles andere als synchron. Länderspezifische Verläufe bei der Auseinandersetzung mit Gesellschaft werden damit zu einem eigenen Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis.

Aus der Außenperspektive zeichnen sich das französische wissenschaftliche Denken sowie die von diesem ausgehenden gesellschaftstheoretischen Impulse insbesondere durch zwei Aspekte aus. Zum einen steht – viel stärker als etwa im deutschen oder angelsächsischen Raum – der Staat im Zentrum des sozialwissenschaftlichen Denkens: insbesondere durch den normativ besetzten Begriff der Republik als Garant und Verkörperung des Gemeinwohls. Zum anderen erscheint die französische Wissenschaft durch eine besonders ausgeprägte epistemologische Kritik charakterisiert.

Der Vielfalt des französischen wissenschaftlichen Denkens wird mit dem Begriff der „Pensées Françaises Contemporaines“ Rechnung getragen. Der Plural verweist auf die Diversität französischen wissenschaftlichen Denkens im Hinblick auf unterschiedliche Disziplinen und Gegenstände des sozialen Lebens. Die Gastprofessur widmet sich der analytischen Betrachtung, Rekonstruktion und Kritik dieser „pensées françaises contemporaines“. Dabei stehen Beeinflussungen, Transformationen, Schnittstellen und Übersetzungen einzelner Denkpositionen in unterschiedlichen Gesellschaftswissenschaften im Mittelpunkt. Relevant sind im Einzelnen sehr unterschiedliche theoretisch-philosophische Kontexte und Ursprünge, die – von Frankreich her kommend – in einem transnationalen Wissenschaftsraum verarbeitet und weiterentwickelt wurden. 

Dabei kann in wirtschaftswissenschaftlicher Hinsicht im Fokus stehen, wie das republikanische Modell mit einer ökonomischen Vorstellung verbunden wird, die dem Staat eine starke Rolle bei der Regulierung der Wirtschaft und dem Management wirtschaftlicher wie sozialer Konflikte zukommt. Anders als im angelsächsischen Raum oder auch in Deutschland steht in der französischen Wirtschaftswissenschaft nicht die Frage im Raum, ob der Staat in das Wirtschaftsleben eingreifen soll. Vielmehr werden Spielarten diskutiert, in welcher Form dies zu geschehen hat. Dabei wird konstatiert, dass sich das französische Modell vom Dirigismus/Etatismus zum koordinierenden Korporatismus entwickelt hat – dass also der französische Staat seit den 1970er-Jahren sein Rollenverständnis deutlich geändert hat. Im Lichte auch des neueren neo-institutionellen Denkens (z.B. organizational/strategic path dependence, leadership identity) ist allerdings eine langfristige Wirksamkeit von eingeübten Handlungsmustern und somit das Fortschreiben „französischer“ Praktiken auch im Kontext von Europäisierung und Globalisierung zu erwarten.

Zugleich ist die französische Philosophie (insbesondere der Poststrukturalisten) in Hinblick auf die wirtschaftliche Sphäre von einer starken Kritik an den Fundamenten der liberalen Wirtschaftsordnung geprägt. Liberalismus, Neoliberalismus und Ordoliberalismus führen in dieser Spielart dazu, dass wirtschaftliche Interessen zum bestimmenden Prinzip der Regierungspolitik werden und so den Staat bzw. das herrschende Regime erst legitimieren. Daher wird z.B. die Frage, welche Akteursgruppen im Rahmen der Finanzkrise welche Konsequenzen zu tragen haben, in Frankreich stärker als andernorts als Frage nach der Verantwortung des Staates gestellt. In deutlicher Abgrenzung zum marxistischen Denken wird hier weniger nach den Interessen einzelner Klassen/Netzwerke und deren Einfluss auf den Staat gefragt. Vielmehr findet mit den französischen Denkern seit den 1960er-Jahren erneut eine umfassende Kritik am Kapitalismus statt, nach der dieser Staat und Gesellschaft kognitiv und immateriell erfasst und steuert, so dass gesellschaftliche Gleichheit, Freiheit und Solidarität auf lange Sicht gefährdet sind.

In der Rechtswissenschaft äußert sich das normative Gewicht von Staat, Republik und Gemeinwohl unter anderem in einer spezifischen Herangehensweise an die Europäisierung des Rechts. Einerseits erscheinen Themen wie Dezentralisierung und Föderalisierung nicht zuletzt durch das Einsickern der europäischen Integration in den Vordergrund zu treten – hier wirkt die zentralstaatliche Organisationsform bis heute nach. Andererseits steht in Frankreich die „Demokratie“ im Zentrum des rechtswissenschaftlichen Denkens, wenn es um die Legitimität europäischen Regierens geht. Dies steht in deutlichem Kontrast zu den Diskussionen um die Gültigkeit von Grundrechten und die Verwirklichung von Subsidiarität, die z.B. die deutschen Debatten geprägt hat.

Für die Kulturwissenschaften sind jene wirkmächtigen philosophischen, sozialwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Theorien relevant, die im angelsächsischen Raum als „French Theory“ bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um in Frankreich angestoßene wissenschaftliche Theorieentwürfe, die auf eine Repositionierung des Subjekts in der Geschichte abzielen und dabei nicht zuletzt an die deutsche Geistesgeschichte anknüpfen. Die „French Theory“ besteht aus einigen zentralen Figuren, die ihrerseits viele theorieimmanente Weiterentwicklungen inspiriert haben. Die Darstellung dieses „französischen Denkens“ sowie die Betrachtung der länderübergreifenden Rezeptionswege soll eine der Aufgaben der Gastprofessur sein. Interessant erscheinen dabei zum einen Auswirkungen auf die empirische Sozialforschung (z.B. „Diskurs/ Diskursanalyse“ im Gefolge von Foucault und Laclau/Mouffe oder „Praxis/Praktiken“ im Anschluss an Bourdieu), zum anderen die zahlreichen Anknüpfungspunkte für neuere politische Bewegungen.

Darüber hinaus stellt die „French Theory“ einen Anknüpfungspunkt für einen grenzüberschreitenden Widerstreit zwischen Ästhetik und Kunst dar. Während man hierzulande im Gefolge des deutschen Idealismus oder der Kritischen Theorie über das Ende oder die Souveränität der Kunst streitet, gewinnt die Frage, wie es um die Kunst der Gegenwart gestellt ist, in Frankreich unter dem Titel „Unbehagen in der Ästhetik“ an Kontur. In Verbindung von bildhermeneutischen und phänomenologischen Perspektiven öffnen sich hier neue kulturwissenschaftliche Wissensfelder: Welche Bilder haben das Potential, Position zu beziehen? Wie verhalten sich Vision, Geschichte und Entwurf zueinander? Was zerstören, bewirken und hinterlassen brennende Archive? Wenn Kunst ein widerständiges Potential besitzt, so stellt das eine Neudefinition sowohl von Ästhetik als auch von Politik in Aussicht.