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Zwischen "Geldjuden" und "Betteljuden": Jüdische Wohlfahrtspflege im europäischen Vergleich (19. u. 20. Jhd.)

Prof. Dr. Klaus Weber

KUL-11930
6/9 ECTS
Seminar: Kulturwissenschaften: Vertiefung // Kulturgeschichte: Vertiefung
Di, 11:15 - 12:45 Uhr Ort: AM 202, Veranstaltungsbeginn: 15.10.2019

Der „sozialen Frage“, die sich im Europa des 19. Jhds v.a. in den Städten verschärfte, begegneten viele erfolgreiche Wirtschaftsbürger mit freiwilliger Armen- bzw. Wohlfahrtspflege. Sie schufen Hospitäler, Waisenhäuser, Schulen, Sozialwohnungen und andere gemeinnützige Institutionen – manche Unternehmer gaben dafür Millionensummen. Die Motive konnten kirchlichen Soziallehren entspringen, dem Statusdenken des Spenders, oder auch einem liberalen Kalkül, demzufolge private Initiativen den Aufbau eines Sozialstaats verhindern sollten. Das Engagement jüdischer Großbürger in Wien, London, Paris und Frankfurt/Main kann die besondere soziokulturelle Situation der jüdischen Minderheiten in den jeweiligen Ländern wie durch ein Prisma beleuchten. Juden waren unter den Stiftern dieser Zeit überrepräsentiert, und viele ihrer Einrichtungen waren für Arme jeden Glaubens offen, während christliche Einrichtungen die Juden i.d.R. ausschlossen. Erfolgreiche Juden – z.B. die Rothschilds – wollten mit ihrem Engagement also auch dem Stereotyp vom „raffenden“ Geldjuden begegnen, der nichts von seinem Reichtum an die Gesellschaft zurückgibt. Zugleich ist das bis heute verbreitete Bild vom reichen Juden irreleitend, denn in diesen Städten lebten die meisten Juden bis weit ins 19. Jhd. in Armut – im östlichen Europa, aus dem Millionen von Juden nach Westen migrierten, war das so bis zur Shoah. Der immer schärfere Antisemitismus stilisierte genau diese Dichotomie zur Bedrohung: der „Betteljude“ aus dem Osten auf der einen, der mächtige „Geldjude“ auf der anderen Seite. Dieser Gegensatz soll dem Seminar als ein Leitfaden dienen.

Literatur: Zygmunt Bauman: Allosemitism: Premodern, Modern, Postmodern, in: B. Cheyette / L. Marcus (Hg.): Modernity, Culture, and “the Jew”, Cambridge 1998, S. 144-156. Derek Penslar: The Origins of Modern Jewish Philanthropy, in: W.F. Ilchman etal. (Hg.): Philanthropy in the World’s Tradition, Bloomington 1998, S. 197-214.

Hinweise zur Veranstaltung/zum Blockseminar: Lektüre auch englischer Texte. Exkursion ins Jüdische Museum Berlin.

Sprache: Deutsch