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Professur für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie

05_11_2011Wiwi_Abschluss_4411 ©Heide Fest

Das Lehrgebiet ”Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie” wird an anderen deutschen Universitäten in der Regel unter dem Namen ”Ethnologie” bzw. ”Völkerkunde” vertreten. Mit der Änderung des Namens von Ethnologie zu Anthropologie wird an der Europa-Universität Viadrina zum einen betont, dass das Fach sich nicht auf die Untersuchung fremder Kulturen beschränkt, sondern sich in besonderem Maße auch der eigenen Kultur und Gesellschaft zuwendet.

Mit dieser ersten Fokussierung geht eine zweite einher. In dem Maße, wie die Konstitution und die Abgrenzbarkeit anthropologischer Forschungsgegenstände problematisch wird, verschiebt sich das Interesse von Strukturen auf Prozesse.  Kulturen werden dementsprechend weniger als starre, über lange Perioden andauernde ”Systeme” von Normen, Werten, Denkweisen etc. gesehen, sondern als ”Diskursfelder“ konzipiert, in denen Normen, Werte und Interpretationen ausgehandelt werden, in denen Deutungen festgeschrieben und aufgebrochen werden, in denen Institutionen und Ideen von außen übernommen und kreativ weiterentwickelt werden.

Um dies an einem Beispiel zu erläutern: Es ist zweifelhaft geworden, ob es sinnvoll ist, von der ”polnischen”, der ”russischen”, der ”deutschen” Kultur im Sinne von zusammenhängenden Komplexen von Haltungen, Mentalitäten, Traditionen, Wertvorstellungen zu sprechen (und diese zu vergleichen). Statt dessen richtet sich das Augenmerk auf die Auseinandersetzungen, die in einem kulturellen Feld  über Normen und Werte geführt werden; auf Wahrnehmungen als kulturelle Praxis; auf die Prozesse, die zu einer Entwicklung von neuen Weltbildern führen; auf das Gewicht medial konstruierter Wirklichkeitsbilder; auf Fragen des kulturellen Flusses, der Rezeption und Übersetzung von Deutungsmustern, Institutionen etc. aus anderen Kontexten.