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DFG-Projekt "Architektonische Authentizität"

Die soziale Konstruktion architektonischer Authentizität. Eine Kultursoziologie der Bewertungsprozesse im urbanen gebauten Raum

Mitarbeiter: Hilmar Schäfer, Johannes Kuhnert MA
Projektförderung: DFG
Laufzeit: 2017–2020

Das Forschungsprojekt fragt nach den Praktiken der sozialen Konstruktion von „Authentizität“ in der urbanen Architektur der Gegenwart. Es bewegt sich damit an der Schnittstelle mehrerer soziologischer Forschungsfelder, die aus einer kultursoziologischen Perspektive zusammengebunden werden: der Architektursoziologie, der Raum- und Stadtsoziologie, einer Soziologie von Bewertungspraktiken sowie einer Kultursoziologie der Bedeutung von „Authentizität“ in der Spätmoderne.

Der Ausgangspunkt und Hintergrund des Projekts ist der tiefgreifende Prozess einer sogenannten „cultural regeneration“ (Bassett 1993, Miles 2005) in den westlichen Großstädten, die seit den 1980er und 90er Jahren stattfindet. Im Zuge dieser „Kulturalisierung“ (Reckwitz 2009) werden die westlichen Städte mehr und mehr unter dem Aspekt ihrer spezifischen „kulturellen“ Qualität umstrukturiert (Erlebniswert, Freizeit- und Konsummöglichkeiten, touristische Interessantheit etc). Im Rahmen dieser „cultural regeneration“ der Städte kommt der Architektur, der Gestaltung und Gestalt des gebauten Raums und darin einzelner Gebäude, eine besondere Rolle zu: Architekturen werden beispielsweise als Ausdruck einer spezifischen Urbanität wahrgenommen, sie werden als „passend“ zum Image einer Stadt oder als gut in ein bestimmtes stadträumliches Ensemble „integriert“ betrachtet, sie werden aufgrund ihrer historischen Bedeutung für die Stadt als schützenswerter Baubestand begriffen, sie werden als gelungen oder misslungen bewertet. Diese Bewertungen beziehen sich auf gesellschaftlich zirkulierende, mehr oder weniger implizite soziale Kriterien des „Gelungenen“ oder „Misslungenen“, die die Planung und Nutzung von Gebäuden organisieren.

Die Ausgangsthese des Projekts lautet: Diese gesellschaftlichen Beurteilungsformen des gebauten Raums kreisen zentral um das Verständnis ihrer architektonischen Merkmale als „authentisch“ oder „unauthentisch“. Authentizität ist in der spätmodernen Gesellschaft generell ein zentraler kultureller Wert, der in verschiedensten sozialen Feldern zirkuliert. Paradoxerweise suggeriert Authentizität, einen „natürlichen“ Zustand der Stimmigkeit zu bezeichnen, tatsächlich hängt sie jedoch von umstrittenen sozialen Bewertungskriterien ab. In der Frage der Gestaltung des gebauten Raums erhält sie eine besonders interessante, aber bisher kultursoziologisch noch nicht aufgearbeitete Relevanz. Authentizität lässt sich in diesem Zusammenhang in zweierlei Hinsicht verstehen: als Anspruch an eine als „stimmig“ wahrgenommene Gestaltung eines Neubaus ebenso wie als spezifische Perspektive auf eine historische Bausubstanz. Das kulturalistische Kriterium der Authentizität tritt dabei zunehmend neben andere, ältere Bewertungsmaßstäbe wie Wirtschaftlichkeit und politische Repräsentation und neben andere neuere Kriterien wie Ökologie bzw. Nachhaltigkeit, deren Beziehungsgeflecht im Projekt erforscht werden soll.

Das Projekt wird die unterschiedlichen Dimensionen gesellschaftlicher Authentifizierungsprozesse im Zusammenspiel von zwei Projektteilen beleuchten:

1) Teilprojekt „‚Authentizität‘ im Entwurfs- und Planungsprozess“

Die Fallstudie widmet sich den Planungs- und Entwurfsprozessen in Architekturbüros, die an der zukünftigen Gestalt von Städten (mit-)arbeiten. Hier liegt der Fokus auf den fachlich-planerischen Entwurfs- und Beurteilungspraktiken. Dieser Teil des Projekts behandelt den Produktionspol sowie den Pol der größtenteils neuen Architektur, und zwar in einem privatwirtschaftlichen Kontext.

 

2) Teilprojekt „‚Authentizität‘ als Auszeichnung im Rahmen des UNESCO-Weltkulturerbes

Die Fallstudie behandelt die architekturbezogene Auszeichnungspraxis des UNESCO-Weltkulturerbes. Im Fokus liegen globale Bewertungsdiskurse zu Architektur und Authentizität und die internationalen Verhandlungen darum sowie ihre Verbindung mit lokalen Erhaltungs- und Restaurierungspraktiken und ihre räumlich-materiellen Effekte vor Ort. Dieser Teil des Projekts behandelt den Rezeptions- und Beobachtungspol sowie jenen, in dem es um den Bestand schon vorhandener, historischer Architektur geht, sowie eine staatliche Bewertungsinstanz.