Banner Viadrina

Lehre

Lehrveranstaltungen im ​Sommersemester 2021

Roland Cvetkovski

BA:

Im wilden Osten der Donaumonarchie. Herrschaft, Menschen und Territorium im Kronland Galizien, 1772-1918

Seminar: Kulturgeschichte: Vertiefung

Di, 11:15-12:45 Uhr, Online

Als Polen-Litauen 1772 erstmals unter Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt wurde, fiel dessen südlicher Teil mit den u. a. mittelalterlichen historischen Landschaften um Galič und Volodimir-Volins’kij an die Habsburger und ging nun als „Königreich Galizien und Lodomerien“ unmittelbar als Kronland in den Bestand der Donaumonarchie ein. Von Wien aus gesehen hatte man sich mit dem neu hinzugewonnenen Territorium jenseits der Karpaten rückblickend allerdings nur Ärger eingehandelt: Wirtschaftlich blieb das überwiegend mit Bauern besiedelte Land eines der rückständigsten Regionen Europas, die Lokalverwaltung war ineffektiv und von Vetternwirtschaft geprägt und auch schienen in Sachen Bildung die Wiener „Zivilisierungsversuche“ im Sande verlaufen zu sein. Dass aber Galizien deutlich mehr Facetten zu bieten hatte, als die pessimistischen Einschätzungen österreichischer Beamter nahelegten, zeigte nicht zuletzt das blühende kulturelle Leben in Lemberg/L’viv. Zudem wies das Territorium eine Vielzahl von Völkern mit unterschiedlichen Sprachen, Konfessionen und Traditionen auf, und die ethnische Gemengelage aus Deutschen, Polen, Ruthenen, „Zigeunern“ und Juden wurde spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem explosiven Gemisch, als einzelne nationale Bewegungen – darunter vor allem die ukrainische – immer stärker anwuchsen. 

Die Veranstaltung wird das Königreich Galizien und Lodomerien in seinen vielfältigen politischen, sozialen, wirtschaftlichen, ethno-konfessionellen und nicht zuletzt kulturellen Dimensionen ebenso näher beleuchten wie sie seine Beziehungen zu den angrenzenden Regionen in den Blick nimmt.

Literatur: 

Magdalena Baran-Szołtys/Olena Dvoretska/Nino Gude/Elisabeth Janik-Freis (Hrsg.), Galizien in Bewegung. Wahrnehmungen – Begegnungen – Verflechtungen, Göttingen 2018.

Daniel Unowsky, The Plunder. The 1898 Anti-Jewish Riots in Habsburg Galicia, Standford, CA 2018.

Larry Wolff, The Idea of Galicia. History and Fantasy in Habsburg Political Culture, Palo Alto, CA 2012.

Hans-Christian Maner, Galizien. Eine Grenzregion im Kalkül der Donaumonarchie im 18. und 19. Jahrhundert, München 2007.

Kai Struve, Bauern und Nation in Galizien. Über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert, Göttingen 2005.


MA:

Das Imperium in Bewegung. Raum, Kommunikation und Repräsentationen in Russland im langen 19. Jahrhundert


Seminar: MEK: Wahlpflichtmodul, KGMOE: Wahlmodul

Mo, 16-18 Uhr

War das Russländische Reich während des 18. Jahrhunderts zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen und 1815 in Wien schließlich auf seinem außenpolitischen Höhepunkt angekommen, so hatte das Imperium während des 19. Jahrhunderts im Innern mit wachsenden Spannungen zu kämpfen, die zu großen Teilen auch dem technischen Fortschritt geschuldet waren. Beschleunigung von Kommunikation, Multiplikation von Information und die Ausweitung von Infrastrukturen hatten nicht nur die Eliten stärker miteinander vernetzt, sondern eine ganze Gesellschaft langsam mobil gemacht und buchstäblich in Bewegung gesetzt. Diese Neuheiten verliehen der politischen Opposition sichtbar Rückenwind und begünstigten die Verbreitung massiver Kritik an der Autokratie, änderten aber vor allem den Blick auf das Imperium und seine unterschiedlichen, es zusammensetzenden Räume: Strukturierten nämlich die Räume zum einen die Kommunikation, wurden diese nun aber zum anderen erst kommunikativ geschaffen. Regionen waren also nicht mehr einfach räumlich da, sondern auch ein Produkt von kommunikativen Praktiken, die erst durch die zunehmende Mobilität und die medialen Neuerungen ermöglicht worden waren: Eisenbahn, Telegrafie und Telefon trugen ebenso dazu bei, diese neue Verräumlichung des Russländischen Imperiums zu betreiben, wie Museen, Stadtexkursionen und Nachrichtenmedien Räume schufen, in denen das Imperium neu verhandelt und sichtbar gemacht werden konnte.

Das Seminar nimmt das Russländische Reich in der wechselseitigen Durchdringung von Raum- und Kommunikationsstrukturen in einem langen 19. Jahrhundert in den Blick und schaut darauf, welche politischen, sozialen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Konsequenzen sich aus diesen Transformationen ergaben.

Literatur:

Simon Franklin/Katherine Bowers (Hrsg.), Information and Empire. Mechanisms of Communication in Russia, 1600-1850, Cambridge 2017.

Frithjof Benjamin Schenk, Russlands Fahrt in die Moderne. Mobilität und sozialer Raum im Eisenbahnzeitalter, Stuttgart 2014.

Walter Sperling, Der Aufbruch der Provinz. Die Eisenbahn und die Neuordnung der Räume im Zarenreich, Frankfurt a. M. 2011.

Alexander C. T. Geppert/Uffa Jensen/Jörn Weinhold (Hrsg.), Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. Jahrhundert, Bielefeld 2005.

Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003.



Bozhena Kozakevych 

Sowjetische Juden und Nationalitätenpolitik in der UdSSR

Seminar: Kulturwissenschaften: Vertiefung // Kulturgeschichte: Vertiefung

Mo, 11:15 - 12:45 Uhr, Online

In diesem Seminar gehen wir auf die Geschichte der sowjetischen Juden im Kontext der Nationalitätenpolitik in der UdSSR zwischen 1917 bis zum 1953 ein. Nach den Einführungssitzungen in die jüdische Geschichte in Osteuropa vor 1917 werden wir uns mit dem Versuch eine neue sowjetische jüdische Identität zu kreieren befassen. Dabei wird es genauer auf die sowjetische Natinalitätetenpolitik der 1920ern (korenisazija) eingegangen. Was bedeutete ein sowjetischer Jude zu unterschiedlichen Zeitpunkten der sowjetischen Geschichte zu sein? Mit welchen Herausforderungen oder Chancen wurde man konfrontiert? Die Heterogenität innerhalb der jüdischen Bevölkerung in der UdSSR soll unter anderem zum Seminargegenstand erhoben werden.  Die ideologiebelasteten Konzepte des Antifaschismus, Völkerfreundschaft und Sowjetpatriotismus sowie die Bekämpfung von Zionismus und Kosmopolitismus und ihre Auswirkungen auf die sowjetische Politik gegenüber der vielfältigen jüdischen Bevölkerung werden mit Hinblick auf innen- und außenpolitische Umstände genauer beleuchtet. Der spätstalinistische Antisemitismus und seine Folgen behandeln wir anhand der sogenannten „Ärzteverschwörung“ sowie einzelner Schicksale. 

Literatur:

Bemporad, Elissa: Becoming Soviet Jews: The Bolshevik Experiment in Minsk. Bloomington 2014.

Grüner, Frank: Patrioten und Kosmopoliten. Juden im Sowjetstaat 1941–1953. Köln  2008

Martin, Terry: The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939. Ithaca 2001.

Petrovsky-Shtern, Yohanan: Lenin's Jewish Question. New Haven 2010.

Petrovsky-Shtern, Yohanan: The Golden Age Shtetl: A New History of Jewish Life in East Europe. Princeton 2015.

Polonsky, Antony: Jews and Communism in the Soviet Union and Poland. In Jacobs, Jack (Hg.): Jews and Leftist Politics: Judaism, Israel, Antisemitism, and Gender. Cambridge 2017, 147-167.

Slezkine, Yurii: The Jewish Century. Princeton 2019.