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Fabian Sader, M.A.

Kontakt: euv06374@europa-uni.de

Deutschsprachig-jüdische Gegenwartsliteratur im Spannungsfeld von Postmoderne und Erinnerungsdiskurs

Die Auswirkungen postmoderner Theoriebildungen haben auch in der deutschsprachig-jüdischen Literatur der Nachfahren von Überlebenden der Shoah ihre Spuren hinterlassen. Sie reagieren im literarischen Text auf die kritische Reflexion von Begriffen wie ‚Erinnerung’ oder ‚Authentizität’ (z.B. bei Rabinovici und Lustiger) oder das provokative Hinterfragen des epistemologischen Alleinstellungsmerkmals von ZeugInnen der Shoah (Stein). Dass die im Zuge des linguistic turn noch einmal nachdrücklich thematisierte, radikale Infragestellung der Existenz von Wirklichkeit außerhalb der Sprache auch in einem Dilemma mündet, verhandeln einige dieser AutorInnen dabei bereits im literarischen Text: Besitzt das Wort zunächst völlig unabhängig von seiner etwaigen Referenz Gültigkeit, besteht in letzter Konsequenz schließlich jedoch die Gefahr einer beliebigen Umformulierung erfahrener unmenschlicher Realität in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Diese Problematik verschärft sich angesichts eines sich gesellschaftlich fundamental wandelnden Umgangs mit Erinnerungen sowie einer sich verändernden Kultur des Gedenkens im Kontext politischer Wandlungsprozesse. Das Sterben der letzten ZeugInnen, die Globalisierung und Digitalisierung sowie eine damit einhergehende diskursive Fragmentierung und Potenzierung von Informationen stellen die Shoah-Gedenkkultur zudem vor bislang unbekannte Herausforderungen.
Ausgehend von derartigen Beobachtungen fokussiert die Dissertation das Verhältnis von Postmoderne und Erinnerungskultur, wie es in literarischen Texten deutschsprachig-jüdischer GegenwartsautorInnen fassbar wird. Sie untersucht, ob sich innerhalb des Diskurses deutschsprachig-jüdischer Gegenwartsliteratur auch eine ästhetische Neuevaluierung postmoderner theoretischer Konzepte sowie veränderte künstlerisch-ästhetische Ansätze erkennen lassen.

hadad ©Uta Hadad

Uta Esther Hadad, M.A.

Kontakt: utahadad@gmail.com

Vergessene Orte deutsch-jüdischer Kultur: Das Schicksal der jüdischen Bibliotheken Berlins und ihrer Bestände

Die geplante Dissertation untersucht die Geschichte und den durch das nationalsozialistische Regime verursachten Verlust der jüdischen Bibliotheken Berlins, zu denen bedeutende Bibliotheken wie jene der Jüdischen Gemeinde, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und des Rabbiner-Seminars zählten. Nach 1945 wurden an drei verschiedenen Orten, in Offenbach, Prag und Berlin, Restbestände dieser Bibliotheken geborgen und neu verteilt. Die Dissertation widmet sich der Frage nach dem Verbleib, aber auch nach den Ursachen des Verlustes dieser Bibliotheksbestände bis in die Gegenwart. Sie fragt auch nach der Relevanz der Jerusalem National- und University Library in diesem Prozess der Verteilung, da bis heute noch Teil-Bestände der Bücher vor allem in Israel auffindbar sind.

Kathrin_Stopp_190 ©(c) privat

Kathrin Stopp, M.A.

Kontakt: stopp@europa-uni.de

Selbst-Bestimmung unter Zwang: Geschlechterdiskurse im jüdischen Kulturkreis im nationalsozialistischen Deutschland

Das literatur- und kulturwissenschaftlich ausgerichtete Dissertationsprojekt widmet sich dem Wirken deutsch-jüdischer Autorinnen und Autoren im NS-Deutschland im Kontext der Debatten um Geschlechterverhältnisse im Judentum seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Dabei wird ein ghettoisiertes und deformiertes jüdisches Literatur- und Kultursystem betrachtet, in dem sich die Auseinandersetzung mit jüdischer Tradition und Religion angesichts von öffentlicher Diskriminierung, Bedrohung und schließlich Verfolgung verstärkte. Die in dieser Zeit im jüdischen Kulturkreis geführten Debatten um jüdische Herkunft und Zukunft sowie damit einhergehende Fragen jüdischer Selbstbestimmung sind oftmals mit geschlechtsspezifischen Definitionen und Normierungen verbunden.

Ziel der Arbeit ist es zu untersuchen, wie Modi der Selbstbestimmung innerhalb einer verfolgten Minderheit in literarischen und kulturellen Diskursen aufgenommen werden und welche Rolle dabei Geschlechterdiskurse spielen. Hierzu werden literarische Texte sowie zeitgenössische Debatten in jüdischen Periodika und jüdischen Organisationen analysiert, um verschiedene Positionen im damaligen Geschlechterdiskurs zu rekonstruieren und zu vergleichen. Leitende Fragen der Untersuchung sind folgende: Verändern sich vor dem Hintergrund von Diskriminierung und Verfolgung bürgerliche Konzepte von Familie und Partnerschaft im literarischen Diskurs? Welche Funktion haben Geschlechterkonzeptionen innerhalb jüdischer Selbstbestimmungsdebatten der 1930er Jahre, etwa das Konzept der ‚Neuen Jüdischen Frau’ oder aber zionistische sowie religiöse Geschlechtervorstellungen und –normen? Inwieweit wird in einer möglichen Neuformulierung von Geschlechterkonzeptionen auch bewusst antisemitischen Geschlechterstereotypen widersprochen?

Barbara_Heindl_12_190 ©Foto von Heide Fest, EUV

Barbara Heindl, M.A.

Kontakt: heindl@europa-uni.de

Religion in Auschwitz – Autofiktionale Texte der Shoah und die Funktion von religiöser Praxis im Konzentrationslager 

Immer wieder wird die Shoah als Zivilisationsbruch verstanden und auch die autobiographischen Texte von Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager beschreiben eine existenziell bedrohliche Welt, in der Menschen zu würdelosen Häftlingen – zu Dingen – degradiert werden. Gegenüber dieser gezielten Vernichtung von Millionen Menschen scheinen vertraute Handlungs- und Denkweisen zunächst kaum wirksam. Dennoch erzählen die Autobiographien aber nicht nur von Leid, sondern auch von den Versuchen der inhaftierten Menschen, sich der Lagerwelt zu widersetzen. Weil der reale Handlungsspielraum gering ist, liegen die Selbstbehauptungsstrategien der Häftlinge häufig auf einer symbolischen Ebene. Immer wieder beschreiben Autorinnen und Autoren wie Ruth Klüger, Primo Levi, Viktor Frankl, Max Mannheimer oder Elie Wiesel gerade religiöse Praktiken als besonders stabilisierend und wirksam für die Behauptung des eigenen Selbst.

Im Rahmen der Dissertation sollen die literarischen Beschreibungen religiöser Praktiken untersucht werden, d.h. Gebete, individuelle Anklagen Gottes, jahreszeitliche Riten und religiöse Feste. Aber auch die Darstellung dieser Praktiken durch die Autobiographien ist Gegenstand der Arbeit. Außerdem gilt es, die spezifischen Kommunikationsmöglichkeiten religiöser Sprachformen zu reflektieren. Im Zentrum des Projektes steht somit die Frage nach der Funktion von religiöser Praxis, die zwischen den Extremen von widerständigem Denken bzw. Handeln und einer Ergebung in das fremdbestimmte eigene Schicksal schwanken kann.

Tobias Bargmann_190 ©Copyright by Tobias Bargmann

Tobias Bargmann

Kontakt: TobiasBargmann@gmail.com

„Der Morgen“ (1925–1938) –  Ein geistiges Forum des deutschen Judentums

Im Rahmen meines Promotionsvorhabens widme ich mich einer zentralen Leerstelle in den Geschichten deutsch-jüdischer Literatur- und Kulturgeschichte: der von Julius Goldstein gegründeten Zeitschrift „Der Morgen“, die von April 1925 bis November 1938 (112 Hefte mit über 8.000 Seiten) im Berliner Philo-Verlag erschien. Meine Arbeit unternimmt dabei erstmals den Versuch, die Geschichte des „Morgen“ in seiner Gesamtheit und auf Basis umfangreicher Archivquellen zu rekonstruieren und zentrale Aspekte dieser Geschichte anhand literarhistorischer Fallstudien zu untersuchen.

Da sich bisher nur eine Handvoll kleinerer Aufsätze und Kapitel, in jeweils spezifischem Kontext, mit der Zeitschrift befasst hat, stützt sich meine Studie fast ausschließlich auf Primärquellen. Neben dem „Morgen“ selbst und seinem publizistischen Umfeld (u. a. der „C.V.-Zeitung“, und dem katholischen „Hochland“) zählen hierzu vor allem die Hinterlassenschaften der fünf Schriftleiter (Julius und Margarete Goldstein, Max Dienemann, Eva Reichmann-Jungmann und Hans Bach), der Redaktionsnachlass des „Morgen“ (im Centrum Judaiucum, Berlin) sowie der weitgehend unerschlossene Bestand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem).

Die Themenbereiche der Studie reichen von der Entstehungsgeschichte des „Morgen“, über sein Verhältnis zum C.V. und seine Rolle innerhalb der jüdischen Presse der 1920er/ 1930er Jahre bis hin zu seiner Eigenschaft als ein literarisches Forum des deutschen Judentums (um nur einige zu nennen). Mit fast 200 Autorinnen und Autoren, die hier ihre literarischen Texte veröffentlichten (darunter Julius Bab, Margarete Susman, Jakob Picard, Nelly Sachs, Jakob Wassermann, Karl Wolfskehl und Franz Kafka, aber auch literarische Newcomer wie Leo Hirsch, Mala Laaser und Max Samter), erweist sich der „Morgen“ dabei besonders für die literarhistorische Forschung als ergiebig.