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Aktuelle Publikationen

Cover Blondzene Sterne ©Wallstein Verlag Kerstin Schoor/Ievgeniia Voloshchuk/Borys Bigun (Hg.): Blondzhende Stern. Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Ukraine als Grenzgänger zwischen den Kulturen in Ost und West, Göttingen: Wallstein, 2020.

"Blondzhende Stern", der Titel eines Romans des in der Ukraine geborenen Klassikers jiddischer Literatur, Scholem Alejchem, dient den Herausgebern als Metapher für das Wirken jüdischer Autorinnen und Autoren, die durch den ukrainischen Teil eines phantomhaften "Jiddischlandes" geprägt waren und die auf ihrer Wanderschaft einen Weg auf die großen Bühnen europäischer Kulturen gefunden haben. Als Grenzgänger zwischen den Kulturen in Ost und West waren sie zugleich selbst Teil einer Bevölkerungsminderheit, für die das Aushandeln wie Überschreiten von Grenzen seit Jahrhunderten eine Strategie ihres physischen wie kulturellen Überlebens war. Nicht selten mussten die Juden als "der Dritte", der immer verlor, "wenn zwei sich stritten" (J. Roth), auch eine "dritte" Einstellung zu jenen Grenzen entwickeln, die die Gesellschaften, die Ethnien und die Kulturen auf ukrainischem Terrain spalteten und bis heute spalten. Das besondere kulturelle Potential eines Blickwinkels, der diese Grenzziehungen über Jahrhunderte hinweg immer wieder kreuzte und kreuzen musste, ist Gegenstand dieses Buches. In wissenschaftlichen, essayistischen und literarischen Beiträgen aus der Ukraine, aus Russland, Polen, Österreich, Frankreich, Israel und Deutschland erkundet es zugleich dessen Folgen für die Entwicklungen einer europäischen (literarischen) Kultur.

Erstmals veröffentlicht werden Ernst-Jürgen Dreyers Drama "Im Separée" und aus dem Ukrainischen übersetzte Auszüge aus dem Buch "Zapiski sel`skogo evreja" (Aufzeichnungen eines Dorfjuden) des ukrainisch-jüdischen Schriftstellers Vjačeslav Šnajder.

Das Gedächtnis an die Shoah 2019 – Titel klein ©Tagungsband Cover; Copyright des Verlags Irmela von der Lühe/Slawomir J. Żurek (Hg.): Pamięć o Zagładzie w polskojęzycznej i niemieckojęzycznej literaturze autorek i autorów drugiego oraz trzeciego pokolenia post-Szoah / Das Gedächtnis an die Shoah in der polnischen und deutschsprachigen Literatur von Autorinnen und Autoren der zweiten und dritten Post-Shoah-Generation, Towarzystwo Naukowe KUL, Lublin 2019.

Der Band dokumentiert die Ziele und Ergebnisse eines polnisch-deutschen, polonistisch-germanistischen Forschungsprojekts, das von 2016-2018 von der deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung gefördert wurde. Gegenstand waren die auffälligen thematischen Veränderungen und methodischen Herausforderungen, die sich seit der Jahrtausendwende in der polnischen und in der deutschsprachigen literarischen Erinnerung an die Shoah beobachten lassen. Diese Veränderungen betreffen Formen, Muster, Funktionen und Intentionen eines Erzählens von der Vergangenheit, für die es überlebende Zeugen und Zeuginnen nur noch in Ausnahmefällen und in naher Zukunft gar nicht mehr gibt. Daraus folgt, dass Augenzeugenschaft, Zeugnis und Authentizität nicht mehr als selbstverständliche und gleichsam normative Paradigmen für diese literarischen Texte gelten können; vielmehr wird nach veränderten, aber doch validen Formen des Zeugnisses, der Repräsentation und damit der Vergegenwärtigung eines Verbrechens gesucht, das von seinem transgenerationell und transnational wirksamen Traumatisierungspotential nichts verloren hat. Es scheint eher so zu sein, dass paradoxe, groteske, provokative und gelegentlich sogar blasphemische Strategien in der literarischen Vergegenwärtigung des Mordes an den deutschen und europäischen Juden als spezifischer Ausdruck dieser fortdauernden, sich gleichsam globalisierenden Trauma-Erfahrung verstanden werden müssen.

Anhand dreier leitmotivisch genutzter Begriffe – Rekonstruktion, Transfiguration und Subversion – sowie der mit ihnen verbundenen Beobachtung, dass Empathie bzw. Strategien der Empathisierung zum wesentlichen Merkmal erinnernden Erzählens von der Shoah geworden sind, werden literarische Werke von Maxim Biller, Barbara Honigmann, Katja Petrowskaja, David Safier, Piotr Pazinski, Piotr Szewc und Igor Ostachowicz vergleichend untersucht.

Titelbild_Schoor_190 ©Schoor Kerstin Schoor: סופרות וסופרים יהודים בגרמניה הנאצית: פרק נשכח בתולדות הספרות הגרמנית (sofrot ve-sofrim yehudim be-germania ha-natsit: perek nishkah be-toldot ha-sifrut ha-germanit / Jüdische Autorinnen und Autoren im nationalsozialistischen Deutschland: Ein vergessenes Kapitel in den Geschichten deutschsprachiger Literatur, erw. und mit umfangreichem Dokumentenanhang), in: Yad Vashem Publications, Carmel Publishing House, Jerusalem 2019.

Im Schatten staatlich legitimierter Rassenpolitik und Zensur entstanden zwischen 1933 und 1938/45 in einem separierten jüdischen Kulturkreis im nationalsozialistischen Deutschland literarische Arbeiten, die heute neben den literarischen und künstlerischen Werken des Exils als Beginn einer Literatur gelesen werden können, die auf die soziale Entrechtung, Ausgrenzung und Ermordung großer Teile des europäischen Judentums reagierte. Die bis 1938 einem begrenzten jüdischen Publikum innerhalb Deutschlands öffentlich gewordenen Texte von Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft spiegeln dabei häufig nur verdeckt deren äußeres Dasein – einen Alltag von Beschränkungen und Entrechtung, von Demütigungen und Zwangsarbeit. Im Spannungsfeld von Antisemitismus und Identitätssuche beschreiben sie vielmehr die tiefen Erschütterungen jener Jahre in Darstellungen der inneren Befindlichkeit einer ausgegrenzten und verfolgten Bevölkerungsgruppe oder führen vermittelt auf das dem öffentlichen Wort Versagte. Namen wie Gertrud Kolmar oder Nelly Sachs, Franz Hessel, Ernst Blass, Ludwig Meidner oder Leo Hirsch, Mascha Kaléko, Kurt Pinthus, Arthur Eloesser, Jakob Picard, Karl Escher, Meta Samson, Hilde Marx, Arthur Silbergleit, Arno Nadel, Herbert Friedenthal (Freeden), Hans Keilson, Max Samter oder Ilse Blumenthal-Weiss stehen exemplarisch für viele, die nicht, oder zunächst nicht, aus Deutschland auswandern konnten oder mochten. Ein ausführlicher Anhang mit ins Hebräische übersetzen Originaldokumenten einzelner Autorinnen und Autoren ist dem Band beigefügt.

Titel FreundschaftsbandMichaelis-König ©Titel Sammelband Poetik und Praxi der Freundschaft, Winter-VErlag Andree Michaelis-König/Erik Schilling (Hg.): Poetik und Praxis der Freundschaft (1800–1933). Beihefte zum Euphorion Nr. 106, Heidelberg: Winter, 2019.

Die Auseinandersetzung mit Freundschaft reicht in Literatur und Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, von Homer bis Günter Grass, von Platon bis Jacques Derrida. Der vorliegende Band nimmt einen Ausschnitt dieser Tradition in den Blick: die Verschränkung von Freundschaft in Literatur und Lebenspraxis, wie sie sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert entfaltet hat.

In dieser Zeit kommt es zu einer Verbindung von Fakt und Fiktion, die auch Rückschlüsse auf eine Theorie der Freundschaft zulässt: Zum einen entwirft die deutschsprachige Literatur vielfältige Formen von Freundschaft, ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung und ihres Scheiterns. Zum anderen ist sie selbst eine Geschichte der Freundschaften unter Schriftstellerinnen und Schriftstellern, für die die Kommunikationsformen der Freundschaft oft in ein Wechselspiel mit der Praxis ihres Schreibens treten. Dieses Verhältnis wird im vorliegenden Band erstmals dezidiert in den Blick genommen.