Banner Viadrina

Barbara Picht

Die Schwerpunkte meiner wissenschaftlichen Arbeit liegen auf der Wissenschafts-, Intellektuellen- und Begriffsgeschichte der Moderne, der europäisch-jüdische Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts sowie dem Forschungsfeld Literatur und Geschichte.

Mein jüngst abgeschlossenes Habilitationsprojekt vergleicht signifikante kulturelle Selbstentwürfe im Europa des Kalten Krieges und legt dabei den Schwerpunkt auf Geschichte und Literatur als zentralen Diskursen der nationalen Identitätskonstruktionen. Wie haben Geschichts- und Literaturwissenschaftler den ‚Ort’ bestimmt, an dem sich die europäischen Gesellschaften in der Nachkriegszeit sahen und den sie im Ost-West-Spannungsfeld konkurrierender Vorstellungen von politischer und gesellschaftlicher Ordnung (kultur-) historisch zu legitimieren versuchten? Beispielhaft habe ich das Werk je eines Historikers und je eines Literaturwissenschaftlers aus Frankreich, den beiden Deutschland und Polen gewählt, mit dem sie an den wissenschaftlichen Aushandlungsprozessen der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte einen wichtigen Anteil hatten (dass keine Frau darunter ist, resultiert aus der männlichen Dominanz in den Wissenschaftssystemen der Zeit): Fernand Braudel und Robert Minder (Frankreich), Werner Conze und Ernst Robert Curtius (BRD), Walter Markov und Werner Krauss (DDR) und Oskar Halecki und Czesław Miłosz (Polen bzw. us-amerikanisches Exil). Im Ergebnis zeigt sich, dass gemessen am Werk dieser acht Wissenschaftler Europa bis in die sechziger Jahre hinein weit mehr mit der sozial- und kulturhistorischen Selbsterforschung befasst war als mit einer Orientierung an den es nun beherrschenden Weltmächten. Es begegnet einem in ihren Texten weit mehr ungeteilt gedachtes Europa als Kalter Krieg. Was sie erlebten, war in ihren Augen Teil einer das 20. Jahrhundert insgesamt kennzeichnenden Krise spezifisch europäischen Ursprungs und sie erklärten sich für ihre Überwindung weiterhin mit zuständig. So wird deutlich: Vom beherrschenden Bild des iron curtain muss man sich lösen, geht es um die Geschichte der europäischen Geistes- und Kulturwissenschaften im Systemkonflikt.

 Aktuell arbeite ich zusammen mit meinen beiden Kollegen Ernst Müller und Falko Schmieder am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung an der Herausgabe eines Lexikons zur politisch-sozialen Semantik im Deutschland des 20. Jahrhunderts mit dem Titel Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen.