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Forschungskolloquium_SoSe_17

Forschungskolloquium: Diaspora, Exil, Migration – Methodische und theoretische Neuansätze VIII

Das deutschsprachige Exil, dessen Erforschung mittlerweile auf eine langjährige Geschichte zurückblicken kann, gerät in den letzten Jahren vor allem aus einer interdisziplinären Pers­pektive (kultur-)wissenschaftlicher Theorien über Erinnerungskulturen, kulturelle Identitäten sowie Migrations- und Transferbeziehungen in regionalen, nationalen und transnatio­nalen Räumen (Migrationsbewegungen eingeschlossen) erneut ins Blickfeld wissenschaftlichen In­teresses. Aktuelle wissenschaftliche Beiträge formulieren neue Fragen an die Quellen, – im Kontext interkultureller oder interreligiöser Dialoge, der Darstellungen zu jüdischer Kultur und Geschichte, zur Genderforschung, oder zur Kultur, Geschichte, Kunst und Lite­ratur der Nachkriegszeit. Das Kolloquium thematisiert diese unterschiedlichen Ansätze vor dem Hintergrund entstehender MA-Arbeiten und Dissertationen und diskutiert neuere Forschungsliteratur. Es präsentiert Vorträge und Diskussionen mit internationalen Gastwissenschaftlern. 

Die Referentinnen und Referenten stellen dazu ggf. Text­ma­te­rial zur Ver­fü­gung, das der Ein­stim­mung und Vor­be­rei­tung dient. Es kann im Moodleverzeichnis unter dieser Veranstaltung eingesehen werden. Möchten Sie sich für das Kolloquium anmelden, so erfragen Sie das Moodle-Kennwort bitte bei Kathrin Stopp (stopp@europa-uni.de). 

02. Mai 2017

16:15–17:45 Uhr

Stephan-Saal,

Postgebäude, EUV

Prof. Dr. Cornelia Blasberg (Münster)

„Aus Zeit und Raum herausgeschnitten. Erich Auerbachs und E. R. Curtius‘ Literaturgeschichten als Europa-Topographien“

Vortrag und Diskussion


Blasberg ©Blasberg 

Auerbachs Mimesis (1946) und Curtius‘ Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1948) gelten als ‚Klassiker‘ europäischer Literaturgeschichtsschreibung, als inhaltsreiche, gelehrte Kompendien, deren diagnostische Kraft die neuere Literaturwissenschaft allerdings nicht mehr unwidersprochen anerkennt. Umso spannender erscheint ein neuer Blick auf Methodik und Architektur der Werke, der beide als Symptome für die historische Auseinandersetzung von Emigranten mit einem von Krieg und Diktaturen verwüsteten, gleichzeitig aber zum Literaturarchiv und utopischen Kulturort stilisierten ‚Europa‘ ausweist. Die Abstraktheit des auf diese Weise konstruierten Gegenstandes verdankt sich, so eine weitere These, einem Denkmodell, das die Autoren der europa-affinen symbolistischen Dichtung der Jahrhundertwende, namentlich Stefan George und Rudolf Borchardt, verdanken, und das noch heute in der intellektuellen Kritik an der EU zu beobachten ist.

10.-13. Mai 2017

Senatssaal,

Hauptgebäude, EUV

Interdisziplinäre Konferenz:

’Blondzhende Stern’: Jüdische SchriftstellerInnen aus der Ukraine als GrenzgängerInnen zwischen den Kulturen in West und Ost



30. Mai 2017

16:15–17:45 Uhr

Stephan-Saal,

Postgebäude, EUV

Prof. Dr. Karl Grözinger (Potsdam/Berlin)

„Warum man Kafka missverstanden hat. – Unerkannte kulturelle Transformationsprozesse“

Vortrag und Diskussion

Grözinger ©Grözinger

Franz Kafka hat in vielen seiner Texte jüdisch-religiöse und kulturelle Elemente in das deutsche Idiom übertragen. Dadurch geschah eine doppelte Transformation, zuerst natürlich die sprachliche, aus dem Hebräischen und Jiddischen ins Deutsche. Zum zweiten wurden jüdisch-religiöse Vorstellungen und Kontexte in einen christlich-bürgerlich- europäischen Kontext übertragen. Dadurch entstand ein Hybrid, das auf beiden Seiten – der gebenden wie der nehmenden – missverstanden wurde und zu zahllosen tastenden Deutungsversuchen führten. Die Evidenz dieses Vorgangs lässt sich an der Übertragung religiös-kultureller Satzungen aus dem Jüdischen ins Christlich-deutsche gewinnen.

13. Juni 2017

16:15–17:45 Uhr

Stephan-Saal,

Postgebäude, EUV

Dr. Martina Steer (Wien)

„Verflochtene Erinnerungen. Die Moses Mendelssohnjubiläen 1829-1979“

Vortrag und Diskussion

Steer ©Steer

Die Jubiläen zu Ehren des deutsch-jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, die zwischen 1829 und 1986 in Europa, den US und Israel begangen wurden, eignen sich auf besondere Weise als Gegenstand einer transnationalen Geschichtsschreibung und kulturwissenschaftlicher Forschung. Anhand der Jubiläen lassen sich international vergleichend Kulturtransfers zwischen Deutschland, Polen, den USA und Israel untersuchen, die im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die Juden und ihre nichtjüdische Umwelt beeinflussten. Die Erinnerung an Mendelssohn spielte in den verglichenen Ländern eine zentrale und umstrittene Rolle bei der Bestimmung jüdischer Identitäten. Zudem stellen die Mendelssohnjubiläen einen Gradmesser für den Stand der Akkulturation und Integration der Juden in den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften dar. Mit dem Transfer der Mendelssohnjubiläen von Deutschland in andere Länder änderte sich deren Bedeutung und passte sich den Bedürfnissen und Erwartungen der Rezeptionskultur an. Die „Entgrenzung“ der Erinnerungskultur der Jubiläen und dem verbundenen kulturellen Gedächtnisses interpretiert Transnationalität nicht nur als weitere Kontextualisierung nationaler Geschichte, sondern als einen Prozess, der für Juden wie Nichtjuden erfahrbar war.

27. Juni 2017

16:15–17:45 Uhr

Stephan-Saal,

Postgebäude, EUV

PROF. DR. GUY MIRON  (Tel Aviv)

“’I am incredibly attached to this apartment’. The home experience of German Jews under the Nazi Regime”

Vortrag und Diskussion

Miron ©Miron

(im Rahmen des Workshops: „Experiences and imaginations of ’House’ and ’Home’ in the constructions of Jewish identity in Germany and Palestine in the 20th century“ (Universitäten: Viadrina / Tel Aviv / Jerusalem)


The lecture will present and analyze the transformation of the concepts of home (Heim, Zuhause, Gemütlichkeit) in the life and self consciousness of German Jews in Nazi Germany since the beginning of their social and spatial exclusion in 1933 until their emigration or deportation to the east. In the course of this time many German Jews had to leave their houses or apartments and move to less expensive, in most cases smaller places and later on to rented furnished rooms within homes of other Jewish families. These developments, which naturally severely challenged their experience of home, escalated from 1939 onward following the confinement of Jews into Judenhäuser (Jews Houses).
Using theoretical frameworks from social sciences (such as human geography and environmental psychology) the lecture will analyze the changing perceptions of home among German Jews under these circumstances. It will be based on both private sources – diaries and correspondence of individuals – and the rich public discourse developed in the German Jewish press regarding these issues until late 1938.

11. Juli 2017

16:15–17:45 Uhr

Stephan-Saal,

Postgebäude, EUV

Prof. Dr. Peter Rychlo (Kiew)

"’Der leise, der deutsche, der schmerzliche Reim’: Deutschjüdische Lyrik der Bukowina als literarisches Phänomen"

Vortrag und Diskussion

Noch vor dem Ersten Weltkrieg galt Czernowitz, die Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina, als ein osteuropäisches jüdisches Paradies. Die meisten jüdischen Intellektuellen waren deutschassimiliert und bildeten somit ein reges geistiges Potenzial für deutsche Kultur. Im Schoß dieser Kulturtradition etablierte sich hier nach der Auflösung der Monarchie, als die Bukowina schon an das königliche Rumänien fiel, eine Gruppe deutschjüdischer Literaten, deren Mentor Alfred Margul-Sperber war. Zu seinem nächsten Freundes- und Dichterkreis gehörten Alfred Kittner, Moses Rosenkranz, Rose Ausländer, David Goldfeld u. a., die hier eine lyrische Tradition angelegt hatten, aus der auch noch die nächste Dichtergeneration emporsteigen konnte: Immanuel Weißglas, Alfred Gong, Paul Celan, Selma Meerbaum-Eisinger, Ilana Shmueli. Was nachher mit der Macht totalitärer Regime und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs über den Dichtern dieses Landstrichs hereinbrach, lässt sich kaum beschreiben. Erst unter fremdem Himmel konnten später diese Dichter ihre Begabung völlig entfalten und ihre Namen in die neuere deutsche Literaturgeschichte hineinschreiben.