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Forschungsgruppe

Kartenausschnitt kl ©rechtefrei

Literarische Praktiken der Verflechtung: 
Jüdisches Schreiben in der europäischen Diaspora (19. und 20. Jahrhundert)

Prof. Dr. Kerstin Schoor / Dr. Andree Michaelis-König (Projektleitung)

Forschungsgruppe am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg 
(BMBF-Projektförderung)

Projektzeitraum April 2017 – März 2022
Beschreibung

Im Fokus der Arbeit der Forschungsgruppe steht das Schreiben jüdischer Autorinnen und Autoren in der europäischen Diaspora des 19. und 20. Jahrhunderts als ein in besonderem Maße auf transkultureller Erfahrungs- und Formvielfaltberuhendes Phänomen. Sie folgt damit der Beobachtung, dass die oft unausgesprochene idealtypische Annahme, es gäbe im Allgemeinen homogene, distinkte Kulturen, den dokumentierten Erfahrungen historischer Subjekte zumeist widerspricht. Selbst dann, wenn sich historische Subjekte programmatisch als Repräsentanten einer Nation, eines Volkes, einer Sprache usw. zu positionieren versuchen, ist doch nicht zu übersehen, dass jedes agierende Subjekt an einer Vielfalt kultureller Praktiken und Prozesse Anteil nimmt. Diese aber lassen sich nur als Kombinationen verschiedenster kultureller Facetten beschreiben.
Das Schaffen jüdischer Autorinnen und Autoren in Europakonstituiert für diesen Befund ein besonders fruchtbares Beispiel, insofern jüdisches Schaffen und Schreiben dort, wo es sich zudem selbst als diasporischversteht, als transnationales und transkulturelles Phänomen par excellenceaufgefasst werden kann. Gerade anhand des diasporischen Schaffens jüdischer Autorinnen und Autoren in Europa lässt sich zeigen, wie Kulturen nicht getrennt voneinander praktiziert, gestaltet und rezipiert werden, sondern zumeist in einem Zustand vielfacher dynamischer Verflechtung erfassbar sind. Dies verfolgt die Forschungsgruppe anhand ausgewählter Beispiele und erarbeitet zugleich in systematischer Weise Begriffe und Konzepte zur Analyse eines kulturellen Schaffens jenseits national-hegemonialer Ordnungskategorien.
Entsprechend ist Ziel der Teilprojekte der Forschungsgruppe, in synchroner wie diachroner Perspektive nachzuzeichnen, wie sich im Schreibprozess vieler jüdischer Autorinnen und Autoren in Mittel- und Ostmitteleuropa unterschiedlicheregionale und transregionale Erfahrungenauf diskursiver, sprachlicher und ästhetischer Ebene verschränkt haben. Solche Verschränkungen bedürfen geeigneter Beschreibungs- und Analyseperspektiven, die eine Zugangsweise zu den ästhetischen und poetologischen Dimensionendeutschsprachiger und jiddischerWerke erlauben. Diese Zugangsweise soll die Forschungsgruppe im Verbund mit ihren assoziierten Forscherinnen und Forschern auf literaturwissenschaftlicherBasis erarbeiten. Erkenntnisziel ist ein Kulturbegriff, der nicht distinkte nationale oder ethnische Kulturbereiche, sondern vielmehr Praktiken undProzesse desVerflechtensin den Blick nimmt. Nicht das Trennende, sondern die Ähnlichkeit und die Vielschichtigkeit kulturellen Schaffens sollen so in den Fokus rücken. Ein solches, auf Aspekte der Verflechtung fokussiertes Vorgehen versteht das Schaffen jüdischer Autorinnen und Autoren in Europa als besonders produktives Ausgangsmoment für eine Literaturverflechtungsgeschichte, die bisherige, national ausgerichtete Literaturgeschichten um eine erkenntnisfördernde Perspektive erweitert.

Projektteam

Dr. phil. Andree Michaelis-König (Projektleiter)

Malte Spitz, M.A. (Doktorand)
Irad ben Isaak, M.A. (Doktorand)

Prof. Dr. Kerstin Schoor (Betreuung)
Prof. Dr. Annette Werberger (Betreuung)