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Professur für Kulturphilosophie/Philosophie der Kulturen

Die Arbeitsschwerpunkte der Professur umfassen:

  • Geschichte der französischen Philosophie und Epistemologie der Gegenwart, insb. des Poststrukturalismus, der Dekonstruktion und des Postmarxismus  
  • Kultur-, Differenz-, Zeit- und Praxisbegriffe in der Kontintentalphilosophie, insb. französischer Provenienz, sowie ihre Rezeptionsgeschichte in Postcolonial, Gender und Cultural Studies
  • Transkulturalitäts- und Transmodernitätskonzepte in Kulturwissenschaften und Kontinentalphilosophie unter besonderer Berücksichtigung der Hybridisierungs- und Kreolisierungsweisen von Gesellschaften unter gewaltgeschichtlichen, postkolonialen und kapitalistischen Bedingungen
  • Wechselverhältnisse zwischen europäischer Philosophie- und Kolonialgeschichte
  • Spinozaforschung

X gilt in der Moderne als Zeichen des Unbekannten. Descartes bedient sich der Abkürzung, um unbestimmte Größen in mathematischen Gleichungen zu verhandeln. Kant nutzt das Kürzel hinsichtlich der erfahrungs- und erkenntnisunabhängigen Dimension der Dinge. Ihr Ansichsein, so wie es jenseits menschlicher Vorstellung sein mag, gilt als unrepräsentierbares »Etwas = X«. Die Reihe lässt sich immer weiter fortsetzen: Bei Hegel wird X zur Kraft des Negativen, die alle transzendenten Ideen des Absoluten auflöst und in Figuren des Übergangs und der Transformation übersetzt. Das Sein wird immanent und unendlich. Seine Entitäten müssen durch Differenzen, Alteritäten und Abstände begriffen werden, durch die hindurch sie sich auf sich selbst beziehen. Marx will dieses geistige in ein Weltveränderungsprogramm übersetzen, in dem der Klassenkampf den Riss oder das Andere einer Geschichte bildet, die zu sich selbst kommen wird. Angesichts der Versuche, Totalität, Sinn oder Zweck in Form von Vernunft-, Prozess- oder Aufhebungsbegriffen nachträglich wieder in die Philosophie einzuführen, macht schließlich Nietzsche aus der gesamten modernen Welt eine unbekannte Variable. Ihre einzigen praktischen und theoretischen Gegenstände sind das Problematische, das Perspektivische und das Transformatorische – Kräfte, die selbst noch die hier vorliegende Meistergenealogie des X erschüttern.

Seitdem steht X in der kontinentalen Philosophie für die Unhintergehbarkeit des Differentiellen, durch das alle Entitäten, die wir als gegenwärtig, identisch und besitzbar zu erkennen glauben, von innen überstiegen und an eine Zeit ausgesetzt werden, die nicht die ihre ist. Kurz: in modernen Ordnungen, in jeder Ökonomie und jeder sozio-symbolischen Kultur, insistiert etwas, das sich der reflexiven Organisation dieser Ordnungen entzieht und ihren dysfunktionalen oder anökonomischen Überschuss bildet. Kaum etwas wird in der zeitgenössischen kontinentalen Philosophie kontroverser diskutiert als die Frage, wie diese Überschüssigkeit oder Exzessivität, dieses Überborden oder Unterlaufen gefasst werden kann und inwiefern es sozio-kulturelle Ordnungssysteme stabilisiert oder destabilisiert, d.h. kybernetische oder emanzipatorische Umwälzungen in Gang setzt.

In dieser ambivalenzbewussten Perspektive widmet sich das Professurteam in Forschung und Lehre der kultur- und kontinentalphilosophischen Erörterung transformativer und transversaler gesellschaftlicher Praktiken und Strukturen. Dass der Begriff der Kultur hier im Plural steht, impliziert ein doppeltes wissenschaftliches Programm: zum einen Dekonstruktion jener europäischen Kulturkonzepte, die seit der Neuzeit die Gesamtheit der kulturellen Leistungen einer Epoche, eines Raums oder eines Volks im Kollektivsingular zusammenzufassen beanspruchen, um dabei aufsteigende Zivilisationsstufen und hierarchische Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur, Mythos und Logos, Oralität und Literalität, Rohem und Gekochtem, Primitivem und Modernem, Unaufgeklärtem und Aufgeklärtem zu begründen; zum anderen Affirmation des Tatbestands, dass die Kulturphilosophie bisher erfolgreich darauf verzichtet hat, sich einen fest umrissenen Gegenstandsbereich vorzuschreiben, um stattdessen Genese und Transformation des Sozio-Kulturellen in einem ansatz- und methodenpluralistischen Setting zu analysieren und immer wieder anders zu fragen, durch welche Tausch- und Wertformen, Eigentums- und Aneignungsweisen, Wissensdispositive und Sprechakte, Riten und Spiele, Disziplinierungen und Verwaltungen, Risikokalkulationen und Wahrscheinlichkeitslogiken gesellschaftliche Spaltungen und Hierarchien kulturell instituiert, re-instituiert oder umgewälzt werden.