Tagungsbericht „Das Erbe sozioökonomischer Transformationen“
Gemeinsame Konferenz „Das Erbe sozioökonomischer Transformationen“ an der TU Berlin über die Geschichte der Treuhandanstalt und ihre soziologische Bedeutung.
Am 11. und 12. September 2025 luden Isabell Stamm (TU Berlin) und Sascha Münnich (Europa-Universität Viadrina) ausgewählte Wissenschaftler:innen ein, im Rahmen ihrer Tagungsreihe 'Das Erbe sozioökonomoschischer Transformationen' über Geschichte der Treuhand und ihre soziologischen Bedeutung zu diskutieren.
Das Konzept der Tagung sah vor, dass im ersten Teil Vorträge von Historiker*innen gehalten und anschließend von Sozialwissenschaftler*innen kommentiert werden. Im zweiten Teil geschah dies dann andersherum.
Eröffnet wurde die Tagung vom Historiker Marcus Böick, der einen inhaltlich wie disziplinär breiten historischen Forschungsstand zu Entwicklung und Tätigkeitsfeldern der Treuhandanstalt und der unterschiedlichen Phasen ihrer gesellschaftlichen Rezeptionen und Nacherzählung seit der Wende. Böick verdeutlichte außerdem Leerstellen in der Forschung und betonte die Wichtigkeit des interdisziplinären Austausches zu diesem Thema, dass gerade heute im Kontext der aktuellen Welle der Ost-West-Forschung wieder breiter öffentliche diskutiert wird.
Im ersten Themenblock der Tagung beschäftigten sich Dr. Jessica Lindner-Elsner (Leiterin des Archivs AWE, Eisenach) und Dr. Max Trecker (GWZO, Leipzig) mit der Frage, wie der Kapitalismus in einer Gesellschaft ohne Kapitalisten Einzug hielt. Während Trecker sich über die historische Entwicklung des Mittelstandes dem Thema nähert, betrachtet Elsner-Lindner am Beispiel des Automobilwerkes Eisenach, AWE wie das Vorhaben ostdeutsche Unternehmen aus der Planwirtschaft herauszuführen letzten Endes in der Übernahme westdeutscher kapitalistischer Strukturen mündete. Diese Entwicklung, werfe sowohl ein Schlaglicht auf das Nichtwissen um ostdeutsche Kompetenz als auch auf die übertragbare Erfahrung „erstickter“ ostspezifischer Strukturen der Mitbestimmung, die zur Enttäuschung der anfänglichen Euphorie und Hoffnung führten, wie Dr. Sarah Lenz (Uni. Paderborn) und Dr. Andreas Fischer (IFS, FAU Erlangen) kommentierten.
Im zweiten Themenblock warf Christoph Lorke ein Schlaglicht auf die Entwicklung und typischen Facetten der Armut in Ostdeutschland seit der Wende. Eva Maria Gajek präsentierte ein empirisches Bild des Wohneigentums und Immobilienbesitzes in Ostdeutschland. Sie zeigte auf, wie das Prinzip der „Rückgabe vor Entschädigung“ und die fehlende Institutionalisierung und Aufzeichnung des privaten Wohneigentums zu DDR-Zeiten einen „Wild-West“-Moment mit Goldgräberstimmung auslösten, in dem vor allem westliche Investitionen die Eigentumsstruktur radikal änderten und bis heute prägen. Dazu zog sie anhand der Betrachtung von Villen in Berlin und Brandenburg weitere historische Parallelen und Ambivalenzen im Besitz an Luxusimmobilien auf.
Im dritten Themenblock der Konferenz am zweiten Tag präsentierte Charlotte Bartels ökonometrische Daten zur Ungleichverteilung von Unternehmenseigentum in Ostdeutschland. Sie konnte dabei u.a. zeigen, dass sich zwar die Unterschiede in der Zahl an Selbständigen und Unternehmer*innen in Ost und West nach der Wende schnell angeglichen haben, dass aber dennoch die hochproduktiven und rentableren Firmen eher in Westhänden blieben und oft bis heute bleiben. Gerade die umsatzstarken Unternehmen im Westen und in geringerem Maße im Osten waren die wichtigsten Käufer von Unternehmen im Osten. Dazu ist auch der Einzel- bzw. Inhaberunternehmer im Osten deutlicher verbreitet, wo im Westen Gesellschaften die Rechtsformen dominieren. Till Hilmar erweiterte den Fokus der Tagung, in dem er aus seiner soziologischen Sicht und qualitativen Interviewforschung zu „Economic Memories“ heraus fragt, welche typischen Narrative der Vergangenheit, der Krisen-, Niedergangs-, Erfolgs- und Ungerechtigkeitserfahrungen sich nach dem Ende des Eisernen Vorhangs in verschiedenen osteuropäischen Ländern zeigten. Dagmara Jajesniak-Quast und Dierck Hoffmann kommentierten die beiden Vorträge im Hinblick auf die Begrifflichkeiten und Schlussfolgerungen historischer Sicht. Sie rückten die Vergleichbarkeit mit historischen Transformations- und Verteilungsprozessen in Polen und den USA ins Zentrum und warfen die Frage auf, wie Economic Memories mit anderen Transformationsnarrativen verknüpft sind.
Im abschließenden Panel der Konferenz zogen Isabell Stamm, Sascha Münnich, Natalia Besedovsky und Martin Lutz einige (wirtschafts-)soziologische Lehren und Perspektiven aus der Tagung. Dabei ging es u.a. um die Frage, was aktuelle ökonomische Transformationsprozesse oder auch das Misslingen von Transformationsprozessen im Bereich des Strukturwandels von Arbeit und Konsum, der Digitalisierung oder auch der ökologischen Nachhaltigkeit aus den historischen Erfahrungen und den langen Wellen der Wendezeit in Deutschland lernen können und wie eng heutige Transformationsprozesse mit Transformationserfahrungen der Vergangenheit verknüpft sind.
Die Konferenz wurde in der Abschlussdiskussion von allen Teilnehmenden als sehr interessant und als rundherum gelungenes Vorhaben der Inter- und Transdisziplinarität beschrieben. Gerade in der heutigen Zeit sind diese Fragen von Strukturbrüchen und langen Wellen der Transformation wieder oder immer noch relevant und gewinnen in der Soziologie deutlich an Bedeutung in den aktuell tobenden Diskussionen um aktuelle und zukünftige Transformationsprozesse.
An diese Konferenz wird eine zweite, international orientierte Konferenz unter dem Titel „European Legacies of Socio-Economic Transformation“ anschließen, die an der European New School der Viadrina in Frankfurt / Oder am 19. und 20. März 2026 stattfinden wird. Den CfP finden Sie unten.
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